Stellenkürzung bei Eon in Kassel: Konzern versteckt sich

+
Axel Gerland

Kassel. Wenn Axel Gerland sich über das Unternehmen informieren will, für das er als Gewerkschaftssekretär bei Ver.di zuständig ist, braucht er nur ein paar Treppenstufen zu überwinden. Eon sitzt jetzt in demselben Gebäude wie Ver.di an der Kölnischen Straße, versteckt sich dort aber eher.

Von außen ist nämlich nichts zu erkennen. Weder Schilder noch Fahnen oder Ähnliches weisen auf den neuen Kasseler Standort des Energiekonzerns hin.

Dabei legt Eon Wert darauf, weiter in der Region präsent zu sein. Zum Beispiel als Sponsor des Kasseler Marathons, dessen Organisationsbüro jetzt ebenfalls an der Kölnischen Straße untergebracht ist. Der Vertrag gelte noch für 2015, sagt Eon-Sprecher Stefan Moriße. Wie und ob es danach weitergeht, sei bisher nicht entschieden.

Weitere Belege für die regionale Präsenz: Eon gehören 1500 Kilometer Hochspannungsnetz. Getrennt hatte sich der Konzern von mehr als 46.000 Kilometern Netz für Nieder- und Mittelspannung, die jetzt die EAM-Tochter Energie-Netz Mitte betreibt.

Gewissermaßen automatisch ist Eon Grundversorger in der Region. Geregelt ist das im Energiewirtschaftsgesetz, das den Anbieter mit den meisten Kunden zum Grundversorger macht, was alle drei Jahre überprüft wird. Wenn Eon im Sommer 2015 noch immer die meisten Kunden im Gebiet der EAM-Tochter Energie-Netz Mitte hat, bleibt der Konzern Grundversorger. Laut Gesetz ist er dazu verpflichtet, Kunden zu beliefern, die sich zum Beispiel nach Umzug für keinen neuen Energieversorger entschieden haben.

Wie viele Kunden es in der Region gibt, sagte Eon auf Nachfrage nicht. Bundesweit seien es sechs Millionen, sagte Moriße.

Kritisch sieht Ver.di-Sekretär Gerland die Lage: „An allen Eon-Standorten in Hessen findet ein erheblicher Arbeitsplatzabbau statt.“ Die derzeit 100 Mitarbeiter in der Region beschäftigt Eon nach eigenen Angaben in Kassel, Gießen und Göttingen.

Bundesweit will Eon 6000 Stellen abbauen. Laut Ver.di sind Mitarbeiter im Kundenservice besonders betroffen. Wie Medien 2012 berichtet hatten, wurden ihnen neue und schlechter bezahlte Jobs in der rumänischen Stadt Cluj angeboten. Dort wollte der Energieversorger Teile des Personal- und Rechnungswesens in „Business Service Centern“ bearbeiten lassen.

Genau diese Tätigkeiten haben Mitarbeiter des Eon-Kundenservice laut Gerland auch in Kassel erledigt, unter anderem für die frühere Eon Mitte. Im Sinne der Beschäftigten wäre es gewesen, wenn die zwölf Landkreise und die Stadt Göttingen nicht nur das Netz übernommen hätten. „Wir hätten es gern gesehen, wenn Eon Mitte komplett rekommunalisiert worden wäre“, sagte Gerland. Deswegen sollten die kommunalen Anteilseigner nun Verantwortung für diese Beschäftigten übernehmen und Perspektiven bei EAM schaffen.

Das sagt EAM

„Wir versuchen, neue Jobs anzubieten“

Zu der Forderung von Verdi, Eon-Mitarbeiter einzustellen, die um ihren Job fürchten, äußerte sich EAM auf Anfrage. Ziel von EAM sei es, „größtmögliche Wertschöpfung in der Region zu halten“, sagte deren Sprecher Steffen Schulze. Neben dem Aufbau des Vertriebs, der am 1. Juli startete, sollen weitere Funktionen, die früher der Eon-Konzern erledigt hatte, „zurück in die Region zur EAM“, so Schulze. „Dafür stellen wir bereits in diesem Jahr in den Bereichen IT, netzwirtschaftliche Dienstleistungen, Einkauf und Vertrieb mehr als 60 zusätzliche Mitarbeiter ein. Unter ihnen sind auch ehemalige Mitarbeiter von Eon.“

Weitere Neueinstellungen seien für das kommende Jahr geplant, sagte Schulze. „Bei personellem Bedarf werden wir auch zukünftig versuchen, einzelnen ehemaligen Kollegen aus dem Eon-Konzern einen Arbeitsplatz in der Region zu bieten.“

Von Claas Michaelis

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.