Verdächtiger im Mordfall Lübcke

Stephan Ernst: Seine Kindheit, seine Vergangenheit als Straftäter, seine Rolle als Vater

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Geständig: Stephan Ernst, hier 2002 auf einer NPD-Kundgebung in Kassel.

Stephan Ernst bestimmt die Schlagzeilen seit fast zwei Wochen. Doch wer ist der Mann, der gestanden hat, Regierungspräsident Walter Lübcke erschossen zu haben?

Einsatzkräfte überwältigten Stephan Ernst in der Nacht zum 15. Juni in seinem Haus an der Heidenkopfstraße in Kassel, weil er verdächtigt wurde, Walter Lübcke erschossen zu haben. Am Dienstagabend nun hat der 45-Jährige die Tat gestanden. In der Zwischenzeit sind viele Einzelheiten über ihn bekannt geworden – mitunter sehr Widersprüchliches. Deshalb fällt es auch gar nicht so leicht, die Frage zu beantworten, wer dieser Stephan Ernst eigentlich ist.

So wohnte Stephan Ernst

Da ist zunächst einmal sein Wohnumfeld im Stadtteil Forstfeld: Einfamilienhaus mit Kaninchenstall im Garten. Alles macht einen gepflegten Eindruck, Stephan Ernst, so berichten es Nachbarn, soll dazu auch seinen Beitrag geleistet haben. Er mähte den Rasen, schraubte manchmal an Autos.

Ansonsten lebte er hier mit seiner Frau und den beiden Kindern im Teenageralter sehr unauffällig, wie Nachbarn es sagen. Viele kennen ihn nur flüchtig. Zur Arbeit im Werk 2 des Bahntechnikherstellers Hübner in der Heinrich-Hertz-Straße soll Stephan Ernst oft mit dem Rad gefahren sein, den Blaumann hatte er da schon immer an. Er war im Schichtbetrieb tätig.

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Zu diesem scheinbar so normalen Leben passt Stephan Ernsts Vergangenheit so ganz und gar nicht.

Messer unter Kopfkissen aus Angst vor Vater

Er wird am 21. September 1973 in Wiesbaden geboren, wächst in Hohenstein auf, einem kleinen Ort im südhessischen Rheingau-Taunus-Kreis. Sein Vater habe getrunken und sei auch gewalttätig geworden, berichtet die Bild-Zeitung. In einer Gerichtsverhandlung habe Stephan Ernst einmal ausgesagt, dass er aus Angst vor dem Vater mit einem Messer unter dem Kopfkissen geschlafen habe.

Stephan Ernst soll dann irgendwann mit Springerstiefeln nach Hause gekommen sein und später eine Lehre gemacht haben, die er angeblich nie abgeschlossen hat.

Hinter der Tür: Stephan Ernst lebte im Stadtteil Forstfeld eher unauffällig.

1989 erstmals wegen rechtsextremer Tat vor Gericht

Schon früh aber wird er straffällig. Die „Welt am Sonntag“ hat das jüngst alles rekonstruiert. 1989 landet Stephan Ernst erstmals wegen einer rechtsextremen Tat vor Gericht, als er versucht, mit einem Kanister Benzin das Haus einer türkischen Familie im Nachbarort anzuzünden. Laut Polizei haben damals mehrere Personen das Haus durch die unverschlossene Haustür betreten und eine brennbare Flüssigkeit verschüttet. Die Flammen sind allerdings von selbst erloschen, deshalb wurde niemand verletzt.

Im November 1992 attackiert Stephan Ernst in einer öffentlichen Toilette im Wiesbadener Hauptbahnhof einen türkischen Imam mit einem Messer. Der Mann schwebt in Lebensgefahr, überlebt den Anschlag aber.

Wurde von Stephan Ernst ermordet: Walter Lübcke.

Mit Rohrbombe Flüchtlingsunterkunft attackiert

Später versucht Stephan Ernst, mit einer selbst gebastelten Rohrbombe eine Flüchtlingsunterkunft in die Luft zu sprengen. Das Attentat misslingt, Stephan Ernst wird von der Polizei festgenommen. In der Untersuchungshaft prügelt er auf einen türkischen Mitgefangenen ein. Der Grund soll gewesen sein, dass er von seinen Mitgefangenen als „Nazi-Schwein“ beschimpft worden sein soll. So sagten damals Zeugen vor Gericht aus, heißt es in der Berichterstattung des Wiesbadener Kuriers.

Mordfall Lübcke: Haus von Stephan E. erneut durchsucht

Haus von Stephan E. erneut durchsucht
nein © bf
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Stephan Ernst wird so bereits im Alter von 21 Jahren vom Landgericht Wiesbaden wegen Körperverletzung, Brandstiftung und versuchten Mordes zu sechs Jahren Jugendstrafe verurteilt. Er sitzt damals schon in der Justizvollzugsanstalt Kassel I in Wehlheiden – also dort, wo er aktuell seine Untersuchungshaft verbringt. Er soll unauffällig und ruhig gewesen sein, auch habe er in Haft keine rechten Parolen verbreitet.

Bilder mit anderen Neonazis 

Nach seiner Freilassung hält er Kontakt zur rechtsextremen Szene. Es gibt mehrere Bilder, die Stephan Ernst mit anderen Neonazis zeigt. Sie kehren auch in der Kneipe „Stadt Stockholm“ ein. Die Wirtin erinnert sich an ihren Kampf, die Klientel aus ihrer Gastwirtschaft zu vertreiben – und sie erinnert sich an Stephan Ernst. Sie beschreibt ihn als Mitläufer und traut ihm die Tat nicht zu, die er nun gestanden hat.

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Androhung von Gewalttaten im Internet

Mit diesem Geständnis ist aber längst nicht alles geklärt. So bleibt die Frage, inwieweit Stephan Ernst zuletzt Kontakt in die rechtsextreme Szene hatte. Der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Thomas Haldenwang, erklärte, Ernst sei zuletzt in den Hintergrund der Beobachtung gerückt. Allerdings gibt es Medienberichte, die besagen, dass sich Stephan Ernst nach wie vor in rechtsextremen Kreisen bewegte und im Internet selbst Beiträge verfasste, in denen er Gewalttaten androhte.

Mitbekommen davon hat allerdings fast niemand. Nach außen lebte Stephan Ernst ein eher gewöhnliches Leben – inklusive Mitgliedschaft im Schützenverein Sandershausen. Er war dort für die Abteilung Bogen zuständig.

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