1. Startseite
  2. Kassel

Rechtsmediziner: „Sterblichkeitsrate wird weiter zunehmen“

Erstellt:

Von: Ulrike Pflüger-Scherb

Kommentare

Tatort Hauptfriedhof: Zwei Frauen sind am Samstag ausgeraubt worden. Eine Frau wurde auch Opfer eines sexuellen Übergriffs. ARCHI
Die Sterblichkeitsrate in Kassel wird in den nächsten Jahren zunehmen. © Andreas Fischer

Seit Jahren nimmt die Zahl der Sterbefälle in der Stadt Kassel zu. Im vergangenen Jahr hat das Standesamt der Stadt Kassel 3946 Sterbefälle beurkundet, das sind 61 Fälle mehr als im Jahr 2021 und 803 Fälle mehr als im Jahr 2014. Über die Ursachen des Anstiegs sprachen wir mit Prof. Reinhard Dettmeyer, Facharzt für Pathologie und Rechtsmedizin.

Herr Dettmeyer, die Stadt Kassel erklärt sich den Anstieg der Todesfälle unter anderem damit, dass mittlerweile mehr Menschen sterben, die nach dem Zweiten Weltkrieg geboren sind. Diese Jahrgänge waren stärker, weil es bei ihnen keine Kriegstoten zu beklagen gab.

Das klingt plausibel. Wenn der Anteil der älteren Menschen an der Bevölkerung zunimmt, dann gibt es auch mehr Todesfälle. Der geburtenstärkste Jahrgang war 1964. Die Menschen, die damals geboren worden sind, werden nächstes Jahr 60.

Was bedeutet diese Entwicklung für die Sterblichkeitsrate?

Dass diese in den nächsten Jahren weiter zunehmen wird. Bis etwa zum 40. Lebensjahr sterben mehr Menschen an einem nicht natürlichen Tod, also zum Beispiel aufgrund eines Verkehrsunfalls, eines Arbeitsunfalls, eines Sportunfalls oder eines Tötungsdelikts.

Und danach?

Ab 40 ändert sich das, dann sterben die meisten Menschen an einem natürlichen Tod, also an einer Erkrankung. Durch den Konsum von Alkohol entstehen zum Beispiel Leberzirrhosen. Die Menschen sterben an einem Schlaganfall oder Herzinfarkt, sie bekommen Diabetes oder einen Tumor. Das nimmt ab dem Alter von 50 und 60 noch deutlich zu und steigert sich kontinuierlich bis zum Lebensende. Etwa 50 Prozent der 80-jährigen Männer haben heutzutage ein Prostatakarzinom. Das heißt aber nicht unbedingt, dass alle auch daran sterben werden. Es kann auch früher schon eine andere Todesursache eintreten.

Das Institut für Rechtsmedizin der Justus-Liebig-Universität Gießen ist auch für die zweiten Leichenschauen vor der Einäscherung im Krematorium auf dem Kasseler Hauptfriedhof zuständig. Hat Corona eine besondere Rolle bei den Todesfällen im vergangenen Jahr gespielt?

Da hatten wir 2022 im Krematorium Kassel insgesamt 370 Todesfälle, bei denen eine Corona-Infektion auf dem Leichenschauschein angegeben war. Das sind aber nicht nur Verstorbene aus der Stadt Kassel, sondern auch aus der weiteren Umgebung. Und ein erheblicher Teil dieser Menschen wird nicht am Coronavirus, sondern mit dem Coronavirus verstorben sein, was aber letztlich nur durch eine Obduktion verlässlich zu klären ist.

Gab es sonst Auffälligkeiten?

Wir haben bei den Leichenschauen festgestellt, dass die Zahl der Toten, die eine Fäulnisveränderung aufweisen, in den vergangenen Jahren weiter angestiegen ist. Aber das ist nicht nur in Kassel so, das ist ein bundesweiter Trend.

Woran liegt das?

Immer mehr Menschen leben in Singlehaushalten. Das hat auch zur Folge, dass immer mehr Menschen plötzlich alleine sterben und zum Teil Tage oder gar Wochen tot in ihrer Wohnung liegen. Es ist nicht selten, dass Angehörige über Tage versuchen, einen Verwandten anzurufen. Manchmal fällt Nachbarn auch auf, dass der Briefkasten über einen längeren Zeitraum nicht mehr geleert worden ist oder ein komischer Geruch aus der Wohnung kommt. Dann rufen sie die Polizei, die die Wohnung öffnet. Im Bereich der Staatsanwaltschaft Kassel haben wir mittlerweile schätzungsweise zehn solcher Fälle pro Jahr.

Mit 371 Fällen sind die meisten Menschen im vergangenen Jahr im November gestorben. Ist das Zufall oder haben Sie eine Erklärung dafür?

Es gibt eine Spekulation zur Sterbehäufigkeit, dass Wetterwechsel einen großen Einfluss haben können. Ein plötzlicher Kälteeinbruch kann jemanden, der bislang „hart an der Kante“ gelebt hat, umhauen. Da kann ein tiefes Einatmen ausreichen.

Worauf sollten besonders ältere Menschen noch achten?

Es kommt häufiger vor, dass ältere Menschen, denen es das ganze Jahr gut gegangen ist, plötzlich nach Weihnachten oder anderen Familienfeiern sterben. Das ist darauf zurückzuführen, dass sie bei solchen Festen deutlich mehr gegessen haben als üblich. Viele wisse nicht, dass ein prallvoller Magen wegen der Verdauung zu einer Blutumverteilung führt. Das kann bei angegriffenen Herzkranzgefäßen zu einem Herzinfarkt führen. (use)

Auch interessant

Kommentare