Der Sternenhimmel über Kassel im September

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Der Sternenhimmel über Kassel im September.

Kassel. Wir blicken regelmäßig mit Ihnen in die Sterne. Der Astrophysiker Klaus-Peter Haupt erklärt Phänomene, die am Himmel über Kassel zu sehen sind. Diesmal geht es um Veränderungen im Kosmos.

Die Sommersternbilder prägen noch den September-Himmel: Im Süden sehen wir das Sommerdreieck, am höchsten steht der Stern Wega im Sternbild Leier, gefolgt von Deneb im Sternbild Schwan, und am tiefsten steht Atair im Adler. Etwas später taucht im Osten der helle Planet Jupiter auf. Wenn man fern der Lichter der Stadt den Sternenhimmel ansieht, kommt man leicht ins Pilosophieren.

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Einen kleinen Eindruck von kosmischen Veränderungen zeigen sensationelle Filme, die mit Bildern des Hubble-Space-Teleskops während seiner 14 - jährigen Betriebszeit jetzt zusammengestellt wurden. Man sieht, wie von jungen Sternen Jets aus Gas zur Seite wegströmen. Zum ersten Mal können wir einen winzigen Moment im Leben eines jungen Sternes verfolgen.

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Schon Immanuel Kant stellte bewundernd fest: „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung … der gestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.“ Wenn wir heute, etwa 250 Jahre später, an den Himmel blicken, bietet er uns immer noch den gleichen Anblick wie zu Kants Zeiten: Unveränderlich und ewig scheint der Kosmos zu sein.

Aber dieser Anblick täuscht. Er entsteht durch die kurze Lebensdauer eines Menschen, so dass selbst viele Generationen kosmisch nur einen Augenblick überdauern. Der Kosmos entwickelt sich. Sein heutiger Zustand hat sich vor 13,7 Milliarden Jahren gebildet. Wenn die beschleunigte Ausdehnung des Kosmos so weitergeht, dann werden in einigen hundert Milliarden Jahren alle Strukturen durch die inflationäre Ausdehnung des Kosmos zerstört sein. Stellen sie sich vor, ein Menschenleben würde 700 Millionen Jahre dauern. Wir würden während unseres Lebens die Veränderungen der Kontinente sehen, der Anblick der Erde würde sich ständig ändern.

Grafik

Hier finden Sie eine hochauflösende Grafik des Sternenhimmels

Unsere Sonne wäre am Ende eines Menschenlebens sichtbar größer, auch der Radius der Mondbahn hätte sich durch die Gezeitenwirkung um fast zehn Prozent vergrößert. Die Sterne würden am Himmel nicht stillstehen, sondern wir würden die Drehbewegung unseres Milchstraßensystems erkennen und die zufälligen Eigenbewegungen der Sterne: wie Flugzeuge an unserem Himmel würden sie ihre Bahnen beschreiben.

Der Kosmos dehnt sich zwar aus, trotzdem können nahe beieinander stehende Galaxien zusammenstoßen und miteinander verschmelzen. Die dabei entstehenden Verformungen der Galaxien würden wir während unseres Lebens sehen können. Die 2,5 Millionen Lichtjahre entfernte Andromedagalaxie, die man jetzt im Herbst sogar mit bloßem Auge erkennen kann, käme im Laufe unseres Lebens 300 000 Lichtjahre näher.

Am Ende unseres Lebens würden wir sie heller und größer am Himmel sehen als während unserer Kindheit. Unsere Ur-Ur-Enkel würden sich schon auf das Schauspiel der nahenden Verschmelzung freuen können. Vielleicht würden wir endlich begreifen, dass wir nicht einen festen zentralen Platz in einer ewigen Welt haben, sondern Teil eines Prozesses sind, einer gigantischen Veränderung, dass es eine Zukunft des Universums ohne uns geben wird, genauso wie es eine Vergangenheit des Kosmos ohne uns gegeben hat.

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