Klaus Sterns Göker-Film: Eindrucksvolle Premiere ohne Hauptdarsteller

Leipzig. Auch ohne seinen Hauptdarsteller feierte Klaus Sterns Doku „Versicherungsvertreter“ am Mittwochabend in Leipzig eine eindrucksvolle Premiere.

Nach der Premiere von „Versicherungsvertreter“ war sich Volker Berg sicher. „Dieser Film hätte Mehmet Göker gefallen“, sagte der ehemalige MEG-Mitarbeiter über Klaus Sterns Dokumentation, in der sein Ex-Chef und dessen grandios Pleite gegangener Versicherungskonzern porträtiert werden. Gern hätte man den schillernden Unternehmer, der 20 Millionen Euro private Schulden hat und mittlerweile in der Türkei lebt, dazu selbst befragt. Doch wenige Stunden vor der ausverkauften Aufführung beim Leipziger Dokumentarfilmfest sagte der 32-Jährige wegen dringender Geschäfte ab, die er in Istanbul zu erledigen habe.

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Das passt zu Göker, der zuvor bei Facebook noch Werbung für den Streifen gemacht hatte. In einer geschickt montierten Mischung aus privatem Porträt, bislang geheimen Firmenvideos, Interviews mit Ex-MEGlern und einem ausführlichen Göker-Gespräch in der Türkei zeichnet Stern das Bild eines durchgeknallten Aufsteigers und einer gierigen Branche, die nur den eigenen Gewinn sieht. Es ist bezeichnend, dass sich keiner der großen Versicherungskonzerne wie Axa vor der Kamera des Kasseler Regisseurs äußern wollte.

Einer der Protagonisten neben Göker ist dessen Leibwächter, der sich in einem Kasseler Tattoo-Laden das MEG-Logo überstechen lässt. Während er erzählt, dass sich alle Führungskräfte die drei Buchstaben für immer auf den Unterarm tätowieren ließen, sieht man Göker in wackligen Handy-Aufnahmen, wie er sich vor versammelter Mannschaft das Logo stechen lässt. Es wird viel Ferrari gefahren in den 79 Minuten, einmal machen die besten Mitarbeiter eine New-York-Reise und geben Zehntausende Euro in Gucci- und Armani-Läden aus, und zwischen heißblütigen Motivationsreden staucht Göker seine Angestellten immer wieder zusammen.

„Das war sektenähnlich“, sagt der ehemalige Fußball-Profi und Aussteiger Zoran Zeiljko im Film. Seinem Mitarbeiter Berg, der zwei Jahre in Kassel arbeitete und in Leipzig im Zuschauerraum saß, droht der Chef einmal, wegen fehlenden Umsatzes die „Drecksniederlassung“ zu schließen. Zugleich kündigt er Maßnahmen wie in einer Justizvollzugsanstalt an.

Berg urteilte nach der Vorstellung: „Genau so war es.“ Trotzdem empfand er auch Wehmut. Anders als bei früheren Stern-Filmen wie „Henners Traum“ wurde in Leipzig nicht so viel gelacht, was wohl daran liegt, dass Gökers Geschichte nur Verlierer kennt. Im Publikumsgespräch berichtete der 42-Jährige von Ex-Mitarbeitern, die Privatinsolvenz anmelden mussten und in psychischer Behandlung sind. Bei einem von ihm interviewten Versicherungsmakler sieht man das Leuchten in den Augen, wenn er von seiner Zeit bei der MEG spricht: Der ehemalige Call-Center-Mitarbeiter kassierte monatlich bis zu 30 000 Euro.

Auch darum ist „Versicherungsvertreter“ ein typischer Stern-Film. „Mein Spezialgebiet ist Größenwahn“, urteilte der Grimme-Preisträger in Leipzig, wo „Versicherungsvertreter“ im Wettbewerb um die mit 10.000 Euro dotierte goldene Taube läuft. Göker ist ganz offensichtlich noch größenwahnsinniger als andere Stern-Protagonisten: Am Telefon kündigte er an, für einen zweiten Teil zur Verfügung zu stehen, ohne den ersten gesehen zu haben.

Kino-Hinweis: „Versicherungsvertreter. Die erstaunliche Karriere des Mehmet Göker“ läuft am 8. November beim Kasseler Dokumentarfilmfest im Gloria-Kino und ist anschließend im Bali-Kino zu sehen.

Von Matthias Lohr

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