26 Jahre Chef des Agrarhändlers

Stieglitz wechselt in Ruhestand: Er machte Raiffeisen groß

Wechselt in den Unruhestand: Reinhard Stieglitz. Vor 38 Jahren kam er zu Raiffeisen, seit 1992 war er Vorsitzender der Geschäftsführung. Unser Foto zeigt ihn vor einem Gemälde des Schwälmer Malers Carl Bantzer, das im Raiffeisen-Haus hängt. Foto: Schachtschneider

Nach 38 Jahren, davon 26 an der Spitze, verlässt Reinhard Stieglitz die heutige Raiffeisen Waren GmbH. Er hat den Agrar- und Baustoffhändler zu einem großen Spieler entwickelt.

Von José Pinto

kassel. Seine Leidenschaft gilt dem Handball, der Jagd und der Landwirtschaft. Für all diese Dinge wird Reinhard Stieglitz künftig wesentlich mehr Zeit haben. Denn ab Montag ist der langjährige Vorsitzende der Geschäftsführung der Raiffeisen Waren GmbH „Rentner im Unruhestand“, wie der 63-Jährige betont. „Ich werde wieder Bauer“, sagt der studierte Agraringenieur. Klingt wie ein Scherz, ist aber ernst gemeint. Denn Stieglitz wird seinem Sohn, der – wie er selbst – Agrarwissenschaften in Göttingen studiert, auf dem Hof der Familie im Felsberger Ortsteil Rhünda mit Rat und Tat zur Seite stehen. Er befindet sich seit 200 Jahren in Familienbesitz.

Nach dem Abitur an der Geschwister-Scholl-Schule in Melsungen und dem Studium startete Stieglitz 1980 seine berufliche Laufbahn beim damaligen Kurhessischen Raiffeisenverband und der Raiffeisen-Warenzentrale (RWZ) Hessenland, die im Zuge der Wende in RWZ Hessen-Thüringen umbenannt und später ihren heutigen Namen erhalten hat. Dort machte er schnell Karriere: Abteilungsleiter, Gesamtprokura, Geschäftsführung und 1992 schließlich deren Vorsitzender. Nun also der große Schnitt. „Es war eine tolle Zeit, aber mit Raiffeisen ist jetzt Schluss“, resümiert Stieglitz und freut sich auf die Zeit danach. „Es wird bestimmt spannend.“ Der verheiratete Vater dreier erwachsener Kinder hat wahrlich viel erlebt und es in all den Jahren geschafft, Kontinuität und Innovation, Tradition und Moderne in Einklang zu bringen. Unter seiner Ägide wandelte sich die heutige Raiffeisen Waren GmbH von einem regionalen zu einem national agierenden Agrarrohstoff-, Landtechnik-, Bau- und Kraftstoffhändler mit bundesweit 210 Standorten und 2300 Mitarbeitern. Während seiner Zeit vervierfachte sich der Umsatz auf 1,3 Milliarden Euro und – viel wichtiger – stieg die Eigenkapitalquote von zehn auf 40 Prozent. Ein Traumwert in einer Branche, in der die Kasseler auch bundesweit zu den Großen zählt.

Startschuss für das rasante Wachstum des 1895 gegründete Unternehmens war die Grenzöffnung, die Stieglitz heute als Glücksfall für Raiffeisen und sich selbst bezeichnet. Im angrenzenden Thüringen taten sich ungeahnte Expansionschancen auf.

Es gelang Stieglitz trotz zunehmender Konzernstrukturen, den mittelständischen Charakter der Gruppe zu erhalten. Die Standorte werden praktisch wie eigenständige Betriebe geführt. Zukäufe behalten in der Regel Namen, Belegschaft und Führung.

Die Expansion sei gerade mit Blick auf notwendige Kostenoptimierungen, Einkaufsmacht gegenüber immer größer werdenden Herstellern und fortschreitender Datenverarbeitung unumgänglich gewesen und habe sich als richtig erwiesen. „Die Konzentration läuft weiter, und die Raiffeisen Waren ist auch dank des hohen Eigenkapitals gut dafür gerüstet“, sagt Stieglitz. Seinem Nachfolger, Dr. Dirk Köckler, jedenfalls hinterlässt der Felsberger ein geordnetes Haus, das für die Zukunft gewappnet ist.

Die Raiffeisen Waren GmbH ist ein Handelsunternehmen, das mit Agrarprodukten wie Saatgut, Getreide, Kartoffeln, Futter- und Pflanzenschutzmittel und Dünger handelt. Hinzu kommen Baustoffe aller Art und Kraftstoffe sowie Garten- und Landtechnik. Außerdem betreiben sie die Kasseler Mischfutterwerke und haben mit der Quindata GmbH einen eigenen IT-Dienstleister, der auch für Dritte arbeitet. Das Unternehmen ist bundesweit aktiv, Schwerpunkte sind aber Mittel- und Norddeutschland. Zu den Gesellschaftern zählen hessische Volks- und Raiffeisenbanken, Agrarunternehmen und große Landwirte sowie die alte Raiwa Müden/Aller, die ihr operatives Geschäft gegen Anteile der Kasseler ins Unternehmen eingebracht hat. 2017 setzte Raiffeisen Waren 1,27 Milliarden Euro um und verdiente unterm Strich knapp 11,5 Millionen Euro.

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