Fossile Spuren liefern Wissenschaftlern neue Einblicke in die Entwicklung des Wurms Osedax

Ein stiller Knochenfresser der Tiefsee

Spurensuche: Geowissenschaftler Jim Goedert (von links) und Paläontologe Dr. Steffen Kiel suchen nach Hinweise auf den Wurm Osedax (kleines Bild). Foto: nh

göttingen. In 3000 Meter Wassertiefe lebt der Wurm Osedax und das seit vielen Millionen Jahren, wie Forscher der Uni Göttingen heraus gefunden haben. Bisher wurde angenommen, dass sich der Tiefseewurm parallel zu seiner wichtigsten Nahrungsquelle, den Walen, entwickelt hätte. Doch inzwischen vermuten die Forscher, dass Osedax die Meere bereits bevölkerte, lange bevor es Wale gab.

Molekularbiologische Untersuchungen legen nahe, dass der Wurm bereits in der Kreidezeit (vor 145 bis 65 Millionen Jahren) existiert haben könnte. Diese Theorie wirft jedoch eine Frage auf: Was hat der Wurm nach dem Aussterben der großen Meeresreptilien am Ende der Kreidezeit vor etwa 65,5 Millionen Jahren und vor der Evolution der Wale gefressen? In einer neuen Studie unter der Leitung des Göttinger Paläontologen Dr. Steffen Kiel sind Wissenschaftler auf eine mögliche Erklärung gestoßen: Osedax hat sich offenbar von den Knochen Pinguin-artiger Tauchvögel ernährt. Meeresvögel gibt es bereits seit der Kreidezeit.

Die untersuchten Vogelknochen sind etwa 30 Millionen Jahre alt und zeigen auf ihrer Oberfläche kleine Bohrlöcher. „Diese Bohrlöcher sind identisch mit Osedax-Bohrlöchern, die wir aus heutigen und fossilen Walknochen kennen“, sagt Dr. Kiel. Überraschend ist aus Sicht der Forscher nicht nur, dass Osedax offenbar Vogelknochen fressen konnte. Auch dass der Vogel nicht mehr als 80 Zentimeter groß war, ist bemerkenswert. Denn bisher ging man davon aus, dass Osedax große Walknochen, die lange auf dem Tiefseeboden liegen, leicht besiedeln kann. Kleine Vogelknochen wurden dagegen vermutlich schnell von Sediment bedeckt oder von Aasfressern verschleppt. Dr. Kiel: „Aber offensichtlich ist dieser Wurm ein schneller und effizienter Nahrungssucher.“

Allerdings sind die Bohrlöcher in den Vogelknochen nur eine erste Spur. Noch ist unklar, ob es den Tiefseewurm wirklich bereits in der Kreidezeit gab. „Die wenigen Plesiosaurier und Ichtyosaurier, die ich bisher in Museen untersucht habe, zeigten keine Bohrlöcher“, erklärt Dr. Kiel. „Aber eine systematische Suche nach den Spuren von Osedax steht noch aus.“

Die Ergebnisse der Studie sind in der Internetausgabe der Fachzeitschrift Naturwissenschaften erschienen. (shx)

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.