Die Stadt Kassel unterstützt künftig die Gedenkstein-Aktion von Gunter Demnig

Stolperstein schlägt Wellen

Gedenken: Gunter Demnig (links) verlegte den ersten Stolperstein für den von den Nazis politisch verfolgten Traugott Eschke, der an den Folgen seiner Haft starb. Die Angehörigen freuen sich über die Ehrung: Enkelin Vera Müller und Urenkel Mario Wolf (rechts) legten eine Rose nieder. Foto: Herzog

Kassel. Jetzt gibt es auch in Kassel den ersten Stolperstein zum Gedenken an Menschen, die durch das NS-Regime ums Leben kamen. Der Kölner Künstler Gunter Demnig hat ihn vor dem Haus Firnskuppenstraße 15 in Harleshausen auf einem Privatgrundstück verlegt. Hier wohnte der Kommunist Traugott Eschke (1895-1943), der an den Folgen unmenschlicher Haftbedingungen starb.

„Ich habe es am Ende doch ertragen, fragt mich nicht wie.“

Traugott Eschke in einem Brief 1936

Während der Gedenkfeier, die das Verlegen des Steins mit Messingplatte umrahmte, verkündete Stadträtin Brigitte Bergholter eine Neuigkeit aus dem Rathaus: Demnächst wird es in Kassel Stolpersteine voraussichtlich auch auf öffentlichen Flächen geben. Oberbürgermeister Bertram Hilgen sei mit der Jüdischen Gemeinde übereingekommen. Später werde die Stadtverordnetenversammlung darüber entscheiden. „Ich gehe davon aus, dass das Vorhaben von einer breiten Mehrheit getragen wird“, sagte Bergholter.

In der Vergangenheit waren sämtliche Initiativen gescheitert, einen Stolperstein auf einem öffentlichen Gehweg oder Grundstück zu verlegen. Die Kasseler Jüdische Gemeinde hatte ebenso wie in München ihr Veto eingelegt. In 640 anderen Städten und Dörfern Deutschlands wird die Aktion von den kommunalen Verwaltungen unterstützt.

In Kassel hatte Esther Haß (SPD) vom Vorstand der Jüdischen Gemeinde erklärt, dass sie die Stolpersteine als „unangemessen und unwürdig“ ablehne, weil man auf sie treten und spucken könne. Der ehemalige Kulturdezernent und Bürgermeister Thomas Erik-Junge (CDU) hatte diese Argumentation gestützt.

Es sei eine „frohe Botschaft“, dass jetzt das Eis bei der Stadt gebrochen“ sei, sagte Ingrid Pee, die die Aktion in Kassel initiiert hatte. Aus Rücksicht auf die Haltung der Stadt war die Kasseler Stolperstein-Initiative auf ein Privatgrundstück ausgewichen. Heute wohnt Mario Wolf, ein Urenkel Traugott Eschkes, mit seiner Familie im Haus Firnskuppenstraße 15. Ebenso wie seine Tante, Eschkes Enkelin Vera Müller, sei er glücklich über die Ehrung seines Urgroßvaters durch die Aktion, sagte er. Er schätze die Idee Demnigs, weil sie „dauerhaft und unaufdringlich“ sei. Den 80 Gästen, die zur Feier gekommen waren, darunter Professor Wilfrid Krause-Vilmar, der Initiator der Gedenkstätte Breitenau, las Wolf aus einem berührenden Brief Eschkes vor. Es war einer von insgesamt 150 Briefen, die der politisch Inhaftierte aus dem Zuchthaus Wehlheiden nach Hause geschrieben hatte.

Zur Stein-Verlegung waren zahlreiche Zeitzeugen gekommen, die von Eschke erzählten. Das sei der Idealfall, sagte Pee: „Da kann man sehen, wenn man einen Stein legt, wie Menschen kommen, die sich erinnern.“ KOMMENTAR

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Von Christina Hein

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