Gedenkplaketten werden am 3. April verlegt

Kunstaktion: „Stolpersteine“ erinnern an Naziopfer

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Gunter Demnig (links) im Mai 2011 bei der Stolperstein-Verlegung für Tragott Eschke auf dem Privatgrundstück von Mario Wolf (rechts) an der Firnskuppenstraße in Harleshausen.

Kassel. Künftig werden sie auch in Kassel zum Stadtbild gehören: Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig. Ebenso wie in über anderen 600 Städten und Gemeinden in Deutschland und Europa erinnern sie an die Opfer des Naziregimes.

Bei dem großflächigen Erinnerungskunstwerk handelt sich um kleine, in Gehwege eingelassene Messingplatten, auf denen die Namen derjenigen eingraviert sind, die durch Nazischergen ihr Leben verloren haben. Platziert sind sei jeweils vor den letzten Wohnorten der Menschen.

Engagiert: Jochen Boczkowski (links) und Norbert Sprafke, die Vorsitzenden des Vereins „Stolpersteine in Kassel“.

Um die 1995 in Köln gestartete Kunstaktion zu unterstützen, hat sich vor einem Jahr der Verein „Stolpersteine in Kassel“ gegründet. Am Mittwoch, 3. April, wird es die erste große Stolperstein-Aktion geben, bei der in Kassel an acht Stellen insgesamt elf Steine verlegt werden. Demnig wird das wie immer eigenhändig übernehmen. Außerdem hält er am Abend in der Kunsthochschule einen Vortrag zum Thema.

Initiative

„Kassel hat lange gebraucht, um sich offiziell an der Stolperstein-Aktion zu beteiligen“, sagt Norbert Sprafke (63). Der SPD-Ortsvorsteher von Wehlheiden hat zusammen mit Jochen Boczkowski (80), der sich in der Friedens- und Gewerkschaftsbewegung engagiert, den Vereinsvorsitz übernommen. Sprafke: „Kassel ist besonders verpflichtet.“ Das reiche jüdische Leben in Kassel vor dem Pogrom sei durch das Wüten der Nazis nahezu ausgelöscht worden.

Hintergrund: In Kassel war Gunter Demnigs Idee des Gedenkens fast zum Stein des Anstoßes geworden, weil die Jüdische Gemeinde die Position der ehemaligen Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, eingenommen hatte und die Aktion ablehnte. Es dürfe nicht sein, dass für die Ermordeten des NS-Regimes Steine verlegt werden, auf die „jeder treten und spucken kann“, hieß es. Die Stadt hatte sich mit der Jüdischen Gemeinde solidarisiert und das Verlegen der Steine auf öffentlichen Wegen unterbunden.

Aus diesem Grund war aus der Bevölkerung eine Initiative entstanden, die sich für ein Verlegen auf privaten Grundstücken stark machte. Im Mai 2011 hatte eine Initiative um Ingrid Pee bewirkt, dass ein Stolperstein für den Nazi-Gegner Traugott Eschke auf einem Privatgrundstück in Harleshausen verlegt wurde.

Inzwischen hat die Jüdische Gemeinde eingelenkt und steht hinter der Aktion. Das hat den Weg für die Vereinsgründung frei gemacht. „Die Steine bilden quer durch Deutschland und Europa ein großes, dezentrales Denkmal gegen Intoleranz und Rassenhass“, sagt Boczkowski.

Hintergrund: Kasseler Verein „Stolpersteine“

Seit Mai 2012 gibt es den Verein „Stolpersteine in Kassel“. Er will die Erinnerung an Nazi-Opfer in Kassel wach halten und führt damit die Vorarbeit der Stolperstein-Initiative fort. Im November 2011 hatte das Stadtparlament beschlossen, das Gedenkprojekt von Gunter Demnig zu unterstützen. Die Aktion am 3. April soll der Beginn dafür sein, weitere Stolpersteine in Kassel zu verlegen. Für 120 Euro kann jeder eine Patenschaft für eine Messingplatte übernehmen, auf der der Name eines Kasseler Nazi-Opfers steht. Demnig wird sie vor Ort verlegen. – Kontakt zum Verein: Brunnenstr. 53, Kassel, Mail: jobokassse@arcor.de

Stichwort: Gunter Demnigs Kunstwerk

1995 wurde in Köln der erste Stolperstein verlegt. Es folgten Orte in ganz Deutschland: Aachen, Frankfurt, Hamburg auch Bad Wildungen, Melsungen und Frankenberg sind dabei. Allein in Berlin sind es über 2000. Demnig, der in den 70er-Jahren in Kassel bei Harry Kramer Kunst studiert hat und anschließend hier auch lehrte, will mit seinem Projekt die Erinnerung an die Vertreibung und Vernichtung dieser ehemaligen Nachbarn zur Zeit des Nationalsozialismus lebendig halten. Im ARD-Kulturmagazin „Titel, Thesen, Temperamente“ wurden die Stolpersteine als „das größte dezentrale Denkmal der Welt“ bezeichnet.

Von Christina Hein

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