Elf Menschen wohnten im Haus

Stolpersteine in Kassel verlegt: Hier lebten die Treisers

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Kassel. Der Künstler Gunter Demnig hat in der Mönchebergstraße zehn Stolpersteine zur Erinnerung an die jüdische Familie Treiser verlegt, die dort bis 1933 lebte. Mit dabei waren auch Familienangehörige aus Israel. 

In der Mönchebergstraße, genau dort, wo heute fröhliche Kinder auf dem Spielplatz des Bürgiparks spielen, stand vor dem Krieg ein Haus: das Haus der Familie Treiser. Hier haben einst elf Menschen gelebt, gespielt, gelacht und geweint. Es hätte genau hier ein glückliches, ja friedliches Leben werden können. Doch es kam anders: Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten mussten die jüdischen Familienmitglieder Deutschland und ihre Heimatstadt Kassel verlassen. Im Ausland überlebten sie Verfolgung, Vertreibung und die Shoah.

Angehörige der Familie, darunter die heute in Tel Aviv lebende Zipora Treiser, waren angereist, als Künstler Gunter Demnig zehn Stolpersteine vor dem Eingang des im Krieg zerstörten Hauses verlegte. Die goldenen Steine sollen an die ehemaligen Bewohner und ihr Schicksal erinnern.

Heinrich und Klara Treiser, die aus Galizien stammten, lebten seit 1912 in Kassel und ab 1919 in der Mönchebergstraße. Sie arbeiteten als Händler für Textilien und Haushaltswaren, betrieben Geschäfte in der Unteren Königsstraße und der Hohenzollernstraße (heute: Friedrich-Ebert-Straße). Sie lebten mit ihren Nachbarn Tür an Tür.

Im April 1933 durchsuchen plötzlich SA-Mitglieder die Geschäfte, setzen die Familie unter Druck. So sehr, dass Heinrich Treiser einen Nervenzusammenbruch erleidet. Ihm gelingt die Flucht nach Polen, dann nach Palästina. Die Nazis verhaften die Kinder, zwingen sie, alles zu Schleuderpreisen zu verkaufen. Nach sechs Monaten Haft werden sie entlassen und folgen ihren Eltern nach Palästina. Sohn Josef geht ins Exil nach Belgien und Frankreich, kämpft in der Résistance, bevor er 1950 in die Bundesrepublik zurückkehrt und seine Familie in Israel besucht.

Die Familie blieb Kassel verbunden: Der jüngste Sohn Bernhard reiste bereits 1958 nach Kassel. Zur documenta kam er 1997 mit seiner Frau Zipora und seinem Sohn Gil erneut in die Stadt.

Gil war es auch, der sich in einer E-Mail an Gunter Demnig gewendet hatte und damit die Verlegung der Steine ins Rollen brachte.

Zipora, Gil und seine Frau Varda Treiser aus Tel Aviv sowie Isolde und Edgar Treiser aus Gelsenkirchen waren dabei, als Gunter Demnig die Steine vor dem früheren Grundstückseingang verlegte.

„Die Verlegung der Steine bedeutet uns viel. Die Leute werden sehen, wer hier gelebt hat und was mit den Bewohnern geschehen ist. So bleibt die Erinnerung wach“, sagt Gil Treiser.

Das denkt auch Jochen Boczkowski, Vorsitzender des Vereins „Stolpersteine in Kassel“: „Die Stolpersteine animieren dazu, sich mit dem Schicksal unserer Nachbarn zu beschäftigen. Sie sind ein Ort der Begegnung und Erinnerung“, erklärt er.

Die 88-jährige Zipora Treiser findet versöhnliche Worte bei der Zeremonie: „Es ist schade, was damals in Deutschland geschehen ist und dass das Haus im Krieg zerstört wurde. Ich habe aber das Gefühl, hier etwas für meinen Mann, unsere Familie und viele andere zu tun. Das ist mir wichtig“, erzählt sie.

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