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Finanzamt Kassel sucht Steuerbetrüger weltweit mit Künstlicher Intelligenz

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Von: Claudia Feser

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Das Finanzamt Kassel ist Steuerbetrügern auf der Spur. Das Amt wertet dazu Datensätze wie etwa die Panama-Papers aus – rund 24 Millionen Dokumente.

Kassel – Das Finanzamt Kassel ist Steuerbetrügern im In- und Ausland auf der Spur. Denn das Amt wertet Datensätze wie Panama-Papers, Malta-Leaks und Paradise-Papers aus, die weltweit für Schlagzeilen gesorgt haben. Nach Mitteilung von Amtsleiter Jörg Schlemmer wurden in Kassel aus allen Leaks rund 24 Millionen Dokumente zur weiteren Bearbeitung an ermittelnde Behörden im In- und Ausland übergeben.

Ein Mensch würde 308 Jahre benötigen, um alle Dokumente zu sichten.

Amtsleiter Jörg Schlemmer, Finanzamt Kassel

Mehr als 75 Millionen Euro konnten so bereits an Steuergeld für das Gemeinwesen zurückgeholt werden. Das tatsächliche Ergebnis liege deutlich höher, so Schlemmer, weil es vor allem aus dem Ausland kaum Rückmeldungen gebe. Die Daten-Leaks sind eine Auswertung von Massendaten: Allein durch die 2016 veröffentlichten Panama-Papers musste das Kasseler Finanzamt Daten mit einem Volumen von 3,2 Terabyte auf Hinweise auf Steuerkriminalität prüfen.

Die Sachgebietsleiter Christian Voß, Kai-Michael Eickhoff, Amtsleiter Jörg Schlemmer und Armin Wolf stehen vor dem Finanzamt in Kassel.
Sie arbeiten mit Künstlicher Intelligenz: Die Forschungsstelle Künstliche Intelligenz am Finanzamt Kassel ist Steuerkriminalität auf der Spur. Im Bild von links die Sachgebietsleiter Christian Voß, Kai-Michael Eickhoff, Amtsleiter Jörg Schlemmer und Armin Wolf. © Claudia Feser

Finanzamt Kassel ist Steuerbetrügern auf der Spur: 600 Personen und 1000 Firmen ausfindig gemacht

„Ein Mensch würde 308 Jahre benötigen, um alle Dokumente zu sichten“, sagt Schlemmer. Es sind unter anderem PDF-Dateien, Tabellen, Mails, Fotos, Besprechungsprotokolle und Rechnungen. Deshalb arbeiten die Kasseler Finanzbeamten mit Künstlicher Intelligenz: Vor drei Jahren wurde die Forschungsstelle Künstliche Intelligenz am Finanzamt gegründet, als Folge der Datenmengen der Leaks, die in Kassel gesichtet werden müssen.

Allein durch die Auswertung der Paradise-Papers konnten Daten zu 600 Personen und 1000 Firmen ausfindig gemacht werden, die zur weiteren steuerrechtlichen Prüfung an die Finanzbehörden im In- und Ausland übergeben wurden. Weltweit waren es 76.000 Dokumente in den vergangenen fünf Jahren. „An Kassel sollen Steuerkriminelle mittlerweile mit Schrecken denken“, sagt Finanzminister Michael Boddenberg, „von Kassel aus spannt sich ein Netz, mit dem Steuerkriminelle in Deutschland und weltweit eingefangen werden.“

Die Künstliche Intelligenz unterstützt die Kasseler Finanzbeamten auch bei der Überprüfung der Personen und Organisationen, die von der Europäischen Union mit Sanktionen belegt wurden, den so genannten Oligarchen-Listen. Außerdem kommt die Künstliche Intelligenz zum Einsatz bei den Coronahilfe-Anträgen in Hessen: Das Kasseler Finanzamt macht vor der Auszahlung eine Plausibilitätsprüfung der Anträge, also den so genannten Iban-Abgleich. Bislang wurden rund 250.000 Anträge überprüft.

Finanzamt Kassel sucht Steuerbetrüger: 3,2 Terabyte Daten – 49 Millionen Dateien

Als Armin Wolf 1986 beim Finanzamt begonnen hat, gab es keine Handys, kaum Computer und erst recht keine Vorstellung von Künstlicher Intelligenz. Damals kamen die Finanzbeamten Steuersündern ausschließlich mit menschlicher Intelligenz und Bauchgefühl auf die Spur. Jetzt, im digitalen Zeitalter des 21. Jahrhunderts, reicht das allein nicht mehr aus.

Denn die Auswertung der Panama-Papers hat gezeigt: Die Massen an Datenmaterial übersteigen die menschlichen Kräfte. Die Panama-Papers hatten einen Datenumfang von 3,2 Terabyte, das waren 49 Millionen Dateien. Gesichtet werden mussten Rechnungen, PDF-Dateien, Gründungsurkunden, Bankauszüge, Kreditverträge, Briefe, Fotos und andere Dokumente – auf Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Russisch und Mandarin.

Als das Finanzamt Kassel 2016 den Auftrag zur Auswertung der Panama-Papers bekommen hatte, fingen die Mitarbeiter an, jedes Dokument anzuklicken, um zunächst zu sehen, ob sie die Sprache verstehen. Schnell wurde klar: Die Datenmenge war personell nicht zu bewältigen. Deshalb wurde in Zusammenarbeit mit dem Hessischen Finanzministerium die Forschungsstelle Künstliche Intelligenz aufgebaut. Dort arbeiten mittlerweile sechs Informatiker und Mathematiker, ein Datenanalyst, ein Linguist und vier Steuerfahnder Hand in Hand.

Finanzamt Kassel ist Steuerbetrügern auf der Spur: Geldwäsche, Korruption und Waffenhandel

Und so funktioniert’s: Die Informatiker suchen in den Datenmengen mithilfe der Künstlichen Intelligenz nach Hinweisen auf möglichen Steuerbetrug; die Steuerfahnder werten die Hinweise dann steuerlich aus. Anschließend werden die Informationen an das Bundeszentralamt für Steuer in Bonn gemeldet, das sie an die zuständigen Behörden verteilt.

Die Kasseler Finanzbeamten durchforsten die Dokumente primär nach Deutschlandbezügen, tauchen Hinweise aus dem Ausland auf, werden diese ebenfalls weitergegeben. Mittlerweile gebe es so Kontakte zu 32 europäischen Staaten, teilt Amtsleiter Schlemmer mit. Also gibt es in den Dokumenten Hinweise auf Steuerkriminalität, Geldwäsche, Korruption, Waffenhandel oder verschleierten Geldtransfer.

Da das Steuergeheimnis auch für Betrüger gilt, gibt Amtsleiter Jörg Schlemmer ein fiktives Beispiel: Bei der Überprüfung einer Rechnung über eine Beratungsleistung stellt sich heraus, dass diese von einer Firma in Panama an eine Person in Deutschland gestellt wurde. „Das kann ja steuerlich in Ordnung sein“, sagt Armin Wolf, „aber unser Bauchgefühl sagt uns, dass wir da genauer hinsehen müssen.“ Dabei stellt sich dann heraus, dass die Firma in Panama in einem Ein-Familien-Haus ansässig ist, wo 700 Offshore-Gesellschaften untergebracht sind. Schließlich finden die Behörden heraus, dass dort Scheindirektoren Scheindokumente unterschreiben, auf denen erst später ein Vertrag eingefügt wird. Das deutet auf das Verschieben und Verstecken von Vermögen vor dem deutschen Fiskus hin.

Finanzamt Kassel sucht Steuerbetrüger: Hochleistungsrechner wiegt 1000 Kilogramm

Ist der Jubel im Finanzamt groß, wenn ein dicker Fisch ins Netz geht? Da halten sich die Kasseler Finanzbeamten sehr bedeckt und sprechen eher von Stolz als von Freude. „Emotionen haben an dieser Stelle nichts verloren“, sagt Armin Wolf, der als Sachgebietsleiter der Forschungsstelle Künstliche Intelligenz für die Auswertung der Panama-Papers zuständig war. Gleichwohl sei es eine Bestätigung der Arbeit und des Bauchgefühls. Denn trotz aller Künstlichen Intelligenz kommt die Suche nach Steuerbetrügern ohne die Erfahrung und das Bauchgefühl der Steuerfahnder nicht aus.

Die Mitarbeiter der Forschungsstelle arbeiten mit einem der größten Computer in Kassel zusammen: Er hat die Größe eines zweitürigen Kleiderschranks und steht im Keller des Finanzamtes am Altmarkt. Nach Angaben von Amtsleiter Schlemmer ist es der größte Computer in einem hessischen Finanzamt.

Der Hochleistungsrechner wiegt 1000 Kilogramm und hat eine Festplattenkapazität von einem Petabyte, das entspricht einer Million Gigabyte. Er arbeitet 500-mal schneller als ein handelsüblicher Computer. „Grundsätzlich macht die Künstliche Intelligenz nichts anderes als die Menschen, nur viel schneller“, sagt Christian Voß, Informatiker und Sachgebietsleiter für Künstliche Intelligenz. Nach Auskunft des Hessischen Finanzministeriums wurde ein niedriger siebenstelliger Betrag in die Technik der Künstlichen Intelligenz investiert. (Claudia Feser)

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