Amtsgericht verurteilt rechtsextremen Kameradschaftschef

Strafe für Hakenkreuze und Angriff auf Polizei

Kassel. Zusammen wandern habe man wollen. Und Kriegsgräber pflegen. Und sich bei den Hausaufgaben helfen. Was die ehemaligen Mitglieder einer ominösen „Deutschen Hilfsorganisation“ (DHO) im Kasseler Amtsgericht erzählten, ließ an Pfadfinder denken. An tiefbraune allerdings: Die DHO, die im vergangenen Jahr von einem Maurerlehrling und einem Bundeswehrsoldaten in Kassel gegründet wurde, verstand sich als rechtsextreme Kameradschaft.

Und es war keineswegs ein Wanderausflug, was dem 22-jährigen DHO-Chef jetzt eine zehnmonatige Bewährungsstrafe eintrug. Am frühen Morgen des 30. Januar 2011 – pünktlich zum 78. Jahrestag der nationalsozialistischen Machtübernahme also – war der selbst ernannte Kameradschaftsführer mit drei Gefolgsleuten losgezogen, um Wahlplakate der Linkspartei zu verunzieren. Mit Hakenkreuzen, SS-Runen und neonazistischer Propaganda.

Und warum? „Wie soll ich das erklären“, sagte ein mitangeklagter 16-Jähriger. „Das sind halt die Linken. Unsere Feinde.“

Mehr als 30 Plakate beschmierten die DHO-Aktivisten in der Kasseler Innenstadt, dann liefen sie einer Zivilstreife der Polizei über den Weg. Doch der 22-Jährige ließ sich nicht festnehmen, sondern wehrte sich und rammte dabei den Kopf eines Beamten, der im Gerangel gestolpert war, zweimal aufs Straßenpflaster.

Nicht nur wegen Sachbeschädigung und Verwendens verbotener Nazi-Symbole verurteilte ihn deshalb das Gericht, sondern auch wegen Körperverletzung und Widerstands gegen die Polizei. Weil der älteste Mittäter – ein 29-Jähriger aus Bayern – vom Gericht nicht rechtzeitig bis zum Prozess aufgetrieben werden konnte, saß der Kameradschaftsgründer nur mit zwei Jugendlichen auf der Anklagebank. Im Jargon der DHO: „Knappen“.

Gegen sie wurde das Verfahren unter Auflagen eingestellt: Ein 16-Jähriger muss 20 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten und an einem sozialen Erfahrungskurs zur Gewaltvorbeugung teilnehmen – gemeinsam mit Jugendlichen mit ausländischen Wurzeln.

Und ein gleichaltriges Mädchen soll „Das Tagebuch der Anne Frank“ lesen, schriftlich zusammenfassen und dann mit dem Richter diskutieren. „Ich glaube, dass sie erhebliche Schwierigkeiten hat, die Tragweite ihres Tuns zu verstehen“, befand Jugendrichter Hering. Denn trotz (oder wegen?) der „geschichtlichen Aufklärung“, die bei den wöchentlichen DHO-Treffen auf der Tagesordnung stand, vermochte die 16-Jährige kaum zu erklären, was Hakenkreuz und SS bedeuten – und wofür sie stehen.

Kameradschaft aufgelöst

Die Kameradschaft übrigens soll sich nach jener Plakataktion aufgelöst haben. Ihr Chef jedenfalls hat nach eigenem Bekunden schon ein neues Betätigungsfeld gefunden: Der 22-Jährige gehört jetzt einer Freikirche der Adventisten an.

Von Joachim F. Tornau

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