Viele Kasseler hielten die Straßenbahn für lebensgefährlich

Nach Paris und Kopenhagen: Die weltweit dritte Straßenbahn fuhr in Kassel

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In den 70er-Jahren: Ein Blick auf den Königsplatz. Im Hintergrund links das Neckermann-Kaufhaus, das dort 1963 eröffnete. Später firmierte das Kaufhaus unter dem Namen Karstadt. Heute steht an dieser Stelle der City Point.

Vor 140 Jahren nahm die Kasseler Straßenbahn ihren Betrieb auf. In einem neuen Buch dokumentiert der Kasseler Stephan Lücke die heimische Straßenbahngeschichte. Wir stellen „Die Straßenbahn in Kassel“ in fünf Stationen vor.

1. Anfänge

Als am 9. Juli 1877 die erste Kasseler Straßenbahn ins Rollen kam, war dies eine Pionierleistung. Nach Paris und Kopenhagen war die nordhessische Großstadt die dritte Stadt weltweit, die auf dieses Verkehrsmittel setzte. Überall anders waren seinerzeit noch Bahnen unterwegs, die von Pferden gezogen wurden. Die erste Linie in Kassel war auf Initiative des Kasseler Geschäftsmannes Georg Heinrich Wigand entstanden und verband die Innenstadt mit dem Bergpark. Die Fahrt dauerte damals noch 30 Minuten. Ab 1898 wurde das Netz schließlich auf Elektroantrieb umgestellt.

1914: Eröffnung der Linie zur Prinzenquelle in Kirchditmold.

2. Herkulesbahn

Auf Betreiben des Kasseler Industriellen Gustav Henkel wurde das Kasseler Schienennetz ab 1902 um die Herkulesbahn erweitert. Die elektrische Kleinbahn fuhr Passagiere und Braunkohle durch das Druseltal und später auch zum Brasselsberg. Für die Passagiere ging es bis zum Herkules hinauf.

Autor Lücke beschreibt, mit wie viel Misstrauen die Kasseler dieses Unterfangen zunächst begleiteten. Viele hielten die Technik für nicht ausgereift und eine Fahrt für lebensgefährlich. Doch die Herkulesbahn wurde ein Erfolg und 1927 mit der Großen Kasseler Straßenbahn vereint. 1966 wurde der Betrieb der Herkulesbahn eingestellt, weil die Alternative – der Bus – günstiger war.

Herkulesbahn: Hier auf einem Bild aus dem Jahr 1962.

3. Nachkriegszeit

In Folge der Bombardierungen waren die Innenstadtstrecken der Bahn am Ende des Zweiten Weltkrieges kaum mehr befahrbar. Drei Wochen nachdem die Amerikaner die Stadt besetzt hatten, startete wieder ein provisorischer Betrieb. Zur Bundesgartenschau 1955 kaufte die KVG die ersten neuen Triebwagen.

Die Straßenbahnen wurden von nun an nicht mehr im Gelbton der Vorkriegszeit lackiert, sondern waren kirschrot-elfenbeinfarben. Erst ab 1967 setzte sich blau-weiß als KVG-Farbe durch. Ein Jahr später wurde die inzwischen wieder geschlossene U-Bahnstation am Hauptbahnhof eröffnet. Doch schon Anfang der 70er-Jahre entstand eine Diskussion darum, die Straßenbahn aus Kostengründen komplett abzuschaffen und nur noch auf Busse zu setzen.

Doch der Widerstand der Kasseler sorgte letztlich dafür, dass die Verantwortlichen von diesen Plänen Abstand nahmen.

Rot und Elfenbein: Die Farben der KVG ab Mitte der 50er-Jahre. Erst später setzte sich blau als Farbe durch.

4. Die Regiotram

Seit 2006 ist Kassel eine der wenigen Städte Deutschlands, die über eine Stadtbahn verfügen, die durchgehende Fahrten vom Schienennetz der Deutschen Bahn in das innerstädtische Straßenbahnnetz ermöglicht. Die RegioTram hat 28 Triebwagen im Einsatz und verbindet Kassel mit dem Umland. 2017 sollen 5,6 Mio. Fahrgäste mit der RegioTram transportiert werden.

5. Die Straßenbahn heute

Aktuell bestehen sieben Straßenbahn- und drei RegioTram-Linien. Das Schienennetz umfasst insgesamt 182 Kilometer – wovon 54 Kilometer auf die Straßenbahn und 128 Kilometer auf die RegioTram entfallen.

44,8 Mio. Fahrgäste nutzen das Angebot des Kasseler Schienenverkehrs. Neben den 28 RegioTrams sind 98 Straßenbahnen in Kassel unterwegs. Für 2018 ist die umfassende Liniennetzreform geplant.

Das Buch

"Die  Straßenbahn in Kassel - mit Herkulesbahn und RegioTram“ ist im Erfurter Sutton Verlag erschienen. Der Autor Stephan Lücke ist Fachredakteur und freiberuflicher Journalist. Er lebt in Kassel. Sein 120-seitiges Buch kostet 20 Euro.

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