Niederflurtechnik der Trams feiert Geburtstag - KVG war bundesweit Vorreiter bei den barrierefreien Schienenfahrzeugen

Niederflurtechnik: Straßenbahn seit 20 Jahren tiefergelegt

Die neue Generation: So werden die Niederflurtrams von Bombardier aussehen, die ab dem Jahresende bei der KVG in Betrieb gehen sollen. Foto: KVG/nh

Kassel. Eigentlich müsste in Kassel längst nicht mehr vom Einstieg in die Straßenbahn die Rede sein. Sondern vom Eingang. Denn Treppensteigen ist bei der KVG inzwischen die Ausnahme bei den Trams, seit 1991 „geht“ man in die Straßenbahn.

Heute vor 20 Jahren ging das erste Niederflur-Fahrzeug in Kassel in Betrieb. Die KVG war damit der erste Verkehrsbetrieb bundesweit, der die Niederflurstraßenbahnen in größerer Zahl im Linienverkehr einsetzte. Heute bieten fast drei Viertel der 79 Trams in Kassel den niedrigen Einstieg. Mit dieser Quote kann sich die KVG im Bundesvergleich nach wie vor an der Spitze einreihen. Inzwischen hat sich die Niederflurtechnik bundesweit durchgesetzt, bestätigt der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV).

„Premierengäste waren begeistert“, titelte die HNA zur Jungfernfahrt der Niederflur-Tram am 14. Februar 1991 – die übrigens auch mit einem Zeitungsautomaten ausgestattet war. Die KVG-Kunden lobten vor allem den bequemen Einstieg für ältere Menschen, Eltern mit Kinderwagen und Rollstuhlfahrer. Von „Design für alle“ spricht noch heute KVG-Behindertenbeauftragter Michael Wiesenhütter. Denn nicht nur Gehbehinderte profitieren vom erleichterten Einstieg, sondern auch alle übrigen Fahrgäste. Dadurch, dass der Ein- und Ausstieg zügiger vonstatten geht, verkürzen sich die Stopps an den Haltestellen und damit auch die Fahrzeit. Pro Fahrzeug - beauftragter Hersteller war die Firma Duewag aus Düsseldorf - ließ sich die KVG das seinerzeit 2,5 Millionen DM kosten (etwa 1,25 Mio. Euro).

Die Entscheidung, den öffentlichen Nahverkehr in Kassel auf das Niederflursystem umzustellen, war bereits 1988 gefallen. „Der Nahverkehr sollte attraktiver gemacht werden - und musste es auch“, sagt Reiner Brandau, stellvertretender Leiter des Bereichs Infrastruktur und schon damals bei der KVG an Bord. Die Straßenbahn war in vielen Städten aufs Abstellgleis geraten, auch in Kassel wurde darüber nachgedacht, Strecken stillzulegen. „Und es ging um das Abwenden eines Verkehrskollapses, den man auf sich zukommen sah“, erinnert sich Brandau. Mit einer neuen Generation von Straßenbahnen wollte man mehr Menschen zum Umstieg vom Auto auf den öffentlichen Nahverkehr bewegen.

Die Aufwertung des ÖPNV sei gelungen, sagt Karsten Kamutzki, Leiter des Bereichs Technik und Fahrzeuge, mit Blick auf das Ergebnis der Pionierarbeit seines Vorgängers Klaus Bader. Mit dem Niederflurfahrzeug sei sogar international eine „Renaissance der Tram“ eingeleitet worden. Vor 20 Jahren kamen Hunderte Experten nach Nordhessen, um sich das moderne Gefährt anzuschauen – und nahmen die Idee mit zu ihren heimischen Verkehrsbetrieben. Eine Kasseler Tram wurde sogar verliehen - zum Testlauf in Rostock.

Die Entwicklung in Kassel geht 20 Jahre nach dem Niederflur-Startschuss weiter: Zum Jahresende geht die dritte Fahrzeug-Generation in Betrieb. Für 45 Millionen Euro hat die KVG bei Bombardier 18 neue Niederflurfahrzeuge bestellt. Damit sind die Tage der Hochflur-Straßenbahnen endgültig gezählt. Mit 100 Prozent Niederflur könnte Kassel erneut Nahverkehrsgeschichte schreiben.

Von Katja Rudolph

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