Eine Nacht im Polizeirevier Ost

Eine Nacht im Polizeirevier Ost: Streife mit Blaulicht und Schutzengel

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Gemeinsam auf Streife: Polizeioberkommissarin Manuela Ziegler und Polizeihauptkommissar Heinz Klahold legten in der Nacht zum Samstag 117 Kilometer im Dienstwagen zurück.  

Kassel. Während viele Menschen in Stadt und Landkreis Kassel Karneval feiern, werden die Polizeibeamten, die in den Revieren Mitte, Süd, Nord und Ost arbeiten, zu zahlreichen Einsätzen gerufen. Die HNA hat die Polizisten des Reviers Ost in der Nacht zum Samstag bei der Arbeit begleitet.

Um 20.02 Uhr läuft die Meldung bei Polizeioberkommissar Dieter Engler in der Wache des Reviers Ost ein: Drei Kanaldeckel sind aus der Buttlarstraße in Bettenhausen gestohlen worden. Zwei Kollegen rücken sofort aus.

Sie müssen die Stellen mit Pylonen, den rot-weißen Verkehrshütchen, absichern. Schließlich sollen keine Zweiradfahrer oder Fußgänger in die Kanäle fallen. Das sei aber nur eine Übergangslösung, sagt Polizeihauptkommissar Heinz Klahold, Dienstgruppenleiter der Zwölf-Stunden-Nachtschicht.

Schließlich bestehe die Gefahr, dass irgendwelche Spaßvögel auch wieder die Pylonen abräumten. Aber zum Glück arbeitet nachts nicht nur die Polizei, sondern auch Kassel-Wasser hat einen Notdienst. Um 21.15 Uhr bekommt Engler die Nachricht, dass die Gullydeckel ersetzt werden.

Auf der Wache: Polizeioberkommissar Dieter Engler hat den Überblick über alle Einsätze im Revier Ost.

Am Karnevalswochenende könnte man eigentlich davon ausgehen, dass mehr Menschen als sonst alkoholisiert Auto fahren. Das sei nicht der Fall, sagt Klahold. Das zeigt auch die Nacht zum Samstag. Nur eine Streife des Reviers Ost erwischt einen 23-jährigen Autofahrer, bei dem ein Atemalkoholtest einen Wert von 1,76 Promille ergibt. Alle anderen, die von den insgesamt elf Polizisten angehalten werden und damit einverstanden sind, in das Messgerät zu pusten, haben Werte zwischen 0,0 und 0,09 Promille.

Klahold ist in dieser Nacht mit Polizeioberkommissarin Manuela Ziegler auf Streife. „Wir haben keine festen Teams wie im Fernsehen. Wir sind Freunde davon, dass die Kollegen variieren“, sagt Klahold. Die Diskothek A 7 wird mehrfach von den Polizeibeamten angefahren, die nach dem Rechten schauen. „Die meisten Besucher sind nüchtern, die das Auto nach Hause fahren“, erzählt Ziegler. In der Regel würden sich Frauen nach dem Diskobesuch hinters Steuer setzen.

Auch wenn in dieser Nacht so gut wie keine Alkoholfahrten von den Beamten festgestellt werden, so binden Betrunkene dennoch viele Kräfte der Polizei. Ziegler und Klahold eilen zwei Kollegen vom Revier Mitte zur Hilfe, die eine junge Frau in einem Hinterhof vor einem Sturz in die Tiefe bewahren. Gegen 1.45 Uhr hat die Mitbewohnerin die Polizei alarmiert. Die alkoholisierte Frau hat sich offenbar im Bad eingeschlossen, ist dann aus dem Fenster gefallen und wird nur noch von der Halterung der Markise an der Hauswand gehalten. In dieser Nacht müssen viele Schutzengel unterwegs sein. Als die Polizei eintrifft, schläft die Frau auf der einreißenden Markise, ein Bein hängt herunter. Die Beamten klettern zunächst auf eine klapprige Leiter und halten die Frau mithilfe einer Nachbarin fest. Dann trifft die Feuerwehr ein und holt die Frau, die offenbar immer noch nicht bei Bewusstsein ist, von der Markise. Zwei Sanitäter des ASB bringen sie ins Krankenhaus.

Leichensache als Balanceakt

Mit den beiden Sanitätern haben Ziegler und Klahold schon Stunden zuvor Kontakt gehabt, bei einer sogenannten Leichensache. Die Rettungskräfte haben die Polizei um 22.20 Uhr wegen eines Todesfalls im Forstfeld alarmiert. In einer Wohnung konnten sie nur noch den Tod einer älteren Frau feststellen. Allerdings sind die Umstände vor Ort so ungewöhnlich, dass sie die Polizei rufen. Auch Ziegler und Klahold und der Amtsarzt kommen zu dem Ergebnis, dass hier eine ungeklärte Todesursache vorliegt. Das ist ein Fall für die Kripo, der Kriminaldauerdienst trifft um kurz vor Mitternacht ein. Da bei ungeklärten Todesursachen nicht auszuschließen ist, dass der Fundort auch Tatort sein könnte, darf natürlich kein Angehöriger mehr in die Wohnung.

Das bedeutet für die Beamten des Reviers Ost einen Balanceakt. Nachdem es sich in der Großfamilie herumgesprochen hat, dass die Frau tot ist, eilen bis zu 20 Angehörige in das Treppenhaus. Mit viel Fingerspitzengefühl erklären Klahold und Ziegler den verzweifelten und weinenden Kindern und Enkeln, dass sie vorerst die Wohnung nicht betreten dürfen.

Charmante Gurtmuffel

Um 1.15 Uhr sind Klahold und Ziegler wieder im Streifenwagen unterwegs. Auf der Dresdner Straße fällt ihnen ein Kleinwagen auf, dessen Auspuff fast auf der Straße hängt. Auf der Rückbank quetschen sich drei junge Leute, die offensichtlich nicht angeschnallt sind. Der Wagen hält vor McDonald’s gegenüber dem A 7. Die Polizeibeamten klären die jungen Leute auf, dass man sich auch auf der Rückbank angurten muss.

Die zwei jungen Männer und die junge Frau räumen zähneknirschend das Versäumnis ein. Eigentlich müsste jeder 30 Euro zahlen. Klahold kassiert von allen dreien zusammen nur 30 Euro. „Wir haben da einen Ermessensspielraum.“ Die drei bedanken sich. Die beiden Jungs zücken je 15 Euro aus dem Portemonnaie. „Das sind ja Gentlemen“, freut sich Ziegler.

Ganz so charmant, dafür erheblich alkoholisiert, sind die Beteiligten bei zwei weiteren Einsätzen in den frühen Morgenstunden nicht. Die Polizisten werden zu einer Wohnung gerufen, in der ein Mann seine Freundin mit einer Kleiderstange verprügelt. Zudem kommt es zu einer körperlichen Auseinandersetzung unter Zechkumpanen im Kleingartengelände Fackelteich.

Um 7 Uhr ist die Schicht von Manuela Ziegler und Heinz Klahold nach zwölf Stunden beendet. Sie haben im Streifenwagen 117 Kilometer zurückgelegt.

Von Ulrike Pflüger-Scherb

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