Technik bewegt sich "auf sehr dünnem Eis"

Streit um Blitzer: Das meint der erste Gutachter

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Prüfte die Blitzer: der Sachverständige Hans-Peter Grün.

Kassel. Der erste Gutachter hat die Blitzertechnik in Kassel unter die Lupe genommen. Hier lesen Sie, wie das Urteil ausfallen könnte.

Der von dem Kasseler Verkehrsrechtsanwalt Dr. Bernd Stein beauftragte Sachverständige Hans-Peter Grün von der VUT Sachverständigengesellschaft will sein Gutachten zwar erst nächste Woche vorlegen.

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Allerdings ließ er schon bei der Begutachtung der Anlage an der Ludwig-Mond-Straße durchblicken, wie sein Urteil ausfallen wird. Der Sachverständige sprach davon, dass sich die Stadt mit der eingesetzten Technik "auf sehr dünnem Eis" bewege. Aus seiner Sicht sei das Messverfahren nicht zulässig, da die Anlage nicht gemäß der Betriebsanleitung betrieben werde.

Ein großes Problem sieht er in der Stromversorgung der Anlage durch Autobatterien bei gleichzeitiger Abwesenheit von Messbeamten. Dadurch werde das standardisierte Messverfahren verlassen, bei dem zu gewährleisten sei, dass am Anfang und am Ende jeder Messung ein Testfoto erstellt wird. Diese Testbilder sollen belegen, dass es während der Messung zu keinerlei Veränderungen an Aufbau und Ausrichtung der Messanlage gekommen ist.

Durch den Einsatz der Batterien sei nicht sichergestellt, dass die Anlage bis zum Ende eines Films, der in Kassel nur alle paar Tage gewechselt werde, durchgehend laufe. Sobald die Batterien leer seien und die Anlage abstürze, könne kein Testbild am Filmende mehr erstellt werden - damit seien alle vorher entstanden Fotos nicht verwendbar.

Wer die Anlage - wie es der Hersteller vorsehe - bei mobilen Verkehrskontrollen einsetzen, habe damit kein Problem. In diesem Fall seien Polizeibeamte vor Ort, die vor einem Spannungsabfall die entsprechenden Testbilder erstellen könnten. Weil das in der Betriebsanleitung der Geräte vorgesehene standardisierte Messverfahren nicht eingehalten werde, müsse ein Gericht bei einem Widerspruch gegen ein Buß- oder Verwarngeld für jede einzelne Messung entscheiden, ob die Messergebnisse verwertbar seien. Dies sei nicht praktikabel.

Die verwendeten Blitzer-Geräte vom Typ µ P 80 werden deutschlandweit - mit einer Ausnahme - nur in Kassel in stationären Säulen verwendet. Einzig im südhessischen Babenhausen werden die über 20 Jahre alten Anlagen in gleicher Weise verwendet.

Allerdings wurden sie dort von demselben Aufsteller, der Firma Safety First aus Reinhardshagen (Landkreis Kassel), aufgebaut. Der Geschäftsführer der Firma Safety First hält die Vorwürfe des Gutachters für unbegründet. Seine Anlagen entsprächen den Vorgaben. Ein eventueller, zwischenzeitlicher Absturz der Anlage gefährde nicht die Messergebnisse.

In den kommenden Wochen sollen zwei weitere Gutachter, die von der Stadt Kassel und dem Regierungspräsidium beauftrag wurden, die Anlagen prüfen. Ob das Amtsgericht ein gerichtliches Gutachten in Auftrag gibt, das auch bei Gerichtsverhandlungen Gewicht hätte, soll in Kürze entschieden werden, sagte Amtsgerichtssprecher Matthias Grund.

In ihrer heutigen Ausgabe berichtete auch die Autobild unter der Überschrift "Blitzer Marke Eigenbau: Kassel konstruiert seine eigene Radarfalle" über die im Frühjahr aufgestellten Radarfallen. (bal)

Video aus dem Archiv: Fünf neue Blitzer sind in Kassel installiert

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