Abmahnungen, Räumungsklagen und andere Schikanen

Vorwürfe von Mietern gegen Kasseler AfD-Chef: Verweste Mäuse unterm Sofa

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Frankfurter Straße 163 und 165: Diese Häuser hat der AfD-Politiker Dieter Gratzer gekauft und saniert. Im linken Haus leben mittlerweile vier Flüchtlingsfamilien. Im rechten Haus wohnen Martin N. und seine Frau Rodica B. Der Vermieter will sie per Räumungsklage aus dem Haus kriegen.

Kassel. Der Kasseler AfD-Chef Dieter Gratzer verdient als Vermieter an Flüchtlingen. Dafür sollen seine bisherigen Mieter aus ihren Wohnungen gemobbt werden. Die Vorwürfe.

Eigentlich seien sie froh gewesen, als der Geschäftsmann Dieter Gratzer im Sommer vergangenen Jahres das Mehrfamilienhaus an der Frankfurter Straße 165 (sowie auch 163) gekauft habe, sagen Martin N. und seine Frau Rodica B. Gratzer hatte angekündigt, die Wohnungen in den beiden Mehrfamilienhäusern zu sanieren.

Ihnen sei klar gewesen, dass dies eine deutliche Mieterhöhung zur Folge haben wird, sagt Martin N. Da die Kaltmiete für die rund 73 Quadratmeter große Wohnung vor der Sanierung mit 219,79 Euro sehr gering gewesen ist, sei man auch mit Gratzers Erhöhung auf eine Miete von 565,46 Euro einverstanden gewesen. Schließlich gab es eine neue Heizung, ein neues Bad, Balkon und Außendämmung. Der Mietpreis sei immer noch sehr günstig. Deshalb kämpft das Paar auch darum, in der Wohnung bleiben zu können.

Wegen Hund abgemahnt

Allerdings ließ der Ärger nicht lange auf sich warten: Im November 2015 bekam das Paar die erste Abmahnung wegen des Hundes in der Wohnung. Die sei aber abgeschmettert worden, weil der Hund seit Jahren in der Wohnung lebt und dies auch von der Voreigentümerin gebilligt worden sei.

Geld geboten

Anfang 2016 habe Gratzer ihm dann angeboten, dass er ihm Geld gebe, wenn er auszieht, sagt Martin N. Gratzer wolle lieber an Flüchtlinge vermieten, weil er mit diesen mehr Mieteinnahmen erzielen könne. Im Nachbarhaus, das er zuvor saniert hatte, habe er auch früheren Mietern deshalb Geld angeboten, wenn sie ausziehen. Angeblich bis zu 3000 Euro. Das Paar lehnte ab.

Im Juni und Juli zogen Martin N. und seine Frau in eine Ausweichwohnung ins Nachbarhaus, weil ihre Wohnung saniert wurde. Im August kehrten sie in ihre sanierte Wohnung zurück. Da sie sich auch eine neue Küche und neue Möbel angeschafft hätten, so der Mieter, hätten er und seine Frau sich mit dem Auspacken der Kisten Zeit gelassen.

Überraschende Reise

Ende August musste das Paar dann wegen eines Todesfalls in der Familie überraschend ins Ausland reisen. Das habe er Vermieter Gratzer am 29. August auch telefonisch mitgeteilt, weil noch Restarbeiten in der Wohnung zu erledigen gewesen seien. Während des Urlaubs habe man den Hund und die Katze zu Verwandten gebracht, so das Ehepaar.

Fristlose Kündigung

Am 31. August müssen Handwerker die Wohnung aufgesucht haben. Das geht aus der fristlosen Kündigung hervor, die Gratzers Anwalt am 1. September aufgesetzt hat. Darin heißt es, dass es sich bei dem Paar um Messis handele, da die Wohnung mit Kisten zugestellt worden sei. Zudem hätten die Handwerker Mäuse und Kakerlaken in der Wohnung entdeckt.

Gestank

Als das Paar Mitte September aus dem Ausland zurückkam, habe der Kater tatsächlich zwei völlig verweste Mäuse unter dem Sofa entdeckt. Zudem habe es in der Wohnung gestunken. Das Paar geht davon aus, dass ihnen die toten Mäuse in die Wohnung gelegt worden sind. Hätten sich die Tiere darin aufgehalten, als sie ins Ausland aufgebrochen seien, hätten diese nicht verhungern müssen. Im Napf für die Katze habe sich noch Trockenfutter befunden, zudem sei auch noch Wasser im anderen Napf gewesen. In ihrer Wut warf Mieterin Rodica B. Vermieter Gratzer eine der verwesten Mäuse vor die Füße.

Räumungsklage

Die fristlose Kündigung vom 1. September lag allerdings zu diesem Zeitpunkt noch nicht im Briefkasten des Paares. Allerdings habe er einige Tage später vom Amtsgericht Post bekommen, sagt Martin N. Daraus habe sich ergeben, dass Gratzer am 31. August eine Räumungsklage eingereicht habe. Diese Briefe habe er aber nie erhalten. Dennoch legte sein Anwalt Einspruch ein. Erst zwei Tage nach Ablauf der Einspruchsfrist hätten in seinem Briefkasten die fristlose Kündigung und zwei Einschreiben des Amtsgerichts gelegen. Die Verhandlung findet nun am 29. November statt.

Das zahlt die Stadt für Flüchtlinge:

Der Richt-/Grenzwert für die Grundmiete beträgt für eine Person 373,50 Euro, für zwei Personen 452,40 Euro, für drei Personen 528,75 Euro, für vier Personen 639,45 Euro, für fünf Personen 801,90 Euro. Zu diesen Richt-/Grenzwerten kommen noch Heizkosten hinzu, die sich nach Größe des Hauses, der Heizungsart und der Personenzahl zusammensetzen.

Zitate der Kasseler AfD zum Thema Wohnraum für Flüchtlinge:

„Keine Kündigung von Wohnungsmietern durch kommunale Vermieter, um neue Unterkünfte für illegal Eingereiste zu schaffen!“

Aus dem Programm, das die AfD Kassel-Stadt am 2. Februar zur Kommunalwahl verabschiedete.

„Unbegrenzte Zuwanderung geht nicht. Mir geht es vor allem um die Illegalen. Ich fordere einen sofortigen Aufnahmestopp und den Magistrat auf, dem Land zu erklären, dass man in Kassel niemanden mehr aufnimmt.“

Dieter Gratzer im HNA-Kandidaten-Portrait zur Kommunalwahl

„Das Neubau-Projekt der städtischen Wohnungsbaugesellschaft GWG ist völlig überteuert. Selbst Luxus-Wohnungen sind günstiger.“

Dieter Gratzer im Ausschuss zum geplanten Bau eines Wohnhauses an der Bunsenstraße, in dem Flüchtlinge untergebracht und später Sozialwohnungen eingerichtet werden sollen.

„Stadt und Kreis Kassel müssen wegen völliger Überschreitung der Aufnahmefähigkeit einen sofortigen Aufnahmestopp fordern. (...) Erst, wenn alle „ausreisepflichtigen“ illegal Eingereisten ausgewiesen worden sind, kann über die Aufnahme von neuen „tatsächlichen“ Asylbewerbern und Flüchtlingen gesprochen werden!“

Aus dem Kommunalwahl-Programm der AfD Kassel

Zur Person:

Nach der Kommunalwahl: Ein strahlender Dieter Gratzer. Archivfoto:  Fischer

Dieter Gratzer (62) wurde am 8. April 1954 in Kassel geboren. Nach der Bürgerschule lernte er Heizungsbauer, schloss als Innungsbester ab und machte zwei Meisterbriefe (Heizungsbau und Sanitär). Seit 1977 ist Gratzer mit seinem Betrieb (Schwerpunkt Fertigbäder) selbstständig und leitete mehrere Jahre die Fachgruppe der Innung. Er befindet sich im Ruhestand, stellt bei Bedarf aber noch Kontakte zwischen Firmen und Kunden/Baustellen her. Dieter Gratzer gehörte bis 1998 der CDU an. Wegen des Euros stieg er aus und war Gründungsmitglied des Bundes freier Bürger in Kassel. 2013 gründete er die Alternative für Deutschland (AfD) in Kassel mit, für die er als Spitzenkandidat bei der Kommunalwahl am 6. März antrat. Seit Einzug der AfD in die Stadtverordnetenversammlung ist er Vorsitzender der Fraktion. Gratzer ist ist ledig, kinderlos und lebt im Stadtteil Mitte. Er fährt gern Ski und spielt Golf im Club Wilhelmshöhe.

Das sagt die Stadt:

Ob Dieter Gratzer Wohnungen an Flüchtlinge vermietet hat, dazu darf die Stadt aus Datenschutzgründen keine Auskunft geben, so Sprecher Michael Schwab. Zu berücksichtigen sei, dass nicht die Stadt Mietverhältnisse für Flüchtlinge mit Vermietern abschließe, sondern lediglich die Kosten der Unterkunft in dem frei zwischen Flüchtling als Mieter und dem Vermieter zustande gekommenem Mietverhältnis erstattet. Asylbewerber seien inzwischen verpflichtet, in einer Gemeinschaftsunterkunft zu leben. Allerdings müssten jene, die bereits in Wohnungen leben, diese nicht verlassen.

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