Widerstand in Kassel gegen Neubauten

Streit um überdimensionale Stadtvillen: Der Bau geht weiter

Aussicht auf die Großbaustelle: Georg Koch, Claudia Giese und Hiltrud Koch auf der Terrasse ihres Hauses am Hirtenweg in Harleshausen. Gegenüber entstehen zwei Neubauten mit 27 Wohnungen und großer Tiefgarage. Foto: Schachtschneider

Kassel. Am kleinen Hirtenweg im Ortskern Harleshausens gibt es eine große Baustelle. Neben dem Sportplatz am Daspel entstehen zwei mächtige Mehrfamilienhäuser mit 27 Wohnungen. Von Anwohnern wird das Bauvorhaben heftig kritisiert.

Auch in weiteren Stadtteilen wächst der Widerstand gegen kolossale Neubauten, die ohne Rücksicht auf die in der Nachbarschaft stehenden, deutlich kleineren Wohngebäude errichtet werden.

Vier Geschosse 

Von der Terrasse ihres Hauses am Hirtenweg schauen Claudia Giese und ihre Eltern Hiltrud und Georg Koch direkt auf die Baustelle. Die künftig viergeschossigen Neubauten werden die umliegenden Häuser bald überragen. Die Familie kann das nicht verstehen. „Wir hatten damals viele Auflagen“, erinnert sich Georg Koch an seinen Hausbau im Jahr 1975. Claudia Giese sagt: „Wir haben an die Stadt geschrieben und einen Widerspruch gegen die Baupläne formuliert.“ Aus dem Rathaus „haben wir aber nie wieder etwas gehört“.

Dem Ortsbeirat hat die städtische Bauaufsicht mitgeteilt, dass die Wohnanlage am Hirtenweg 6 und Fritz-Heckmann-Weg 34 Baugrenzen geringfügig überschreitet. Zudem werde etwas mehr Wohnfläche gebaut, als die Geschossflächenzahl zulasse. Aber das sei städtebaulich vertretbar, befand die Verwaltung. Die Baugenehmigung wurde erteilt.

Im Untergeschoss der Neubauten wurde bereits eine große Tiefgarage mit Zufahrt über den Hirtenweg errichtet. Claudia Giese stellt sich schon mal auf viel mehr Verkehr auf der schmalen Wohnstraße ein.

Stadtvillen-Bau geht weiter

Der Neubau von großen Stadtvillen wird trotz der Proteste in vielen Stadtteilen weitergehen. Kassels Stadtbaurat Christof Nolda (Grüne) sieht keine Möglichkeiten, den Neubau von großen Mehrfamilienhäusern einzuschränken. Diese Neubauten werden vielerorts kritisiert, weil sie sich nicht in die vorhandene Bebauung einfügen und Nachbarn Licht und Luft nehmen.

Stadtbaurat Christof Nolda (Grüne)

Nolda ist davon überzeugt, dass der mehrgeschossige Wohnungsbau richtig und wichtig für Kassel ist. Das Wohnen in der Stadt sei wieder gefragt. Und um zusätzliche Wohnungen in Kassel zu schaffen, sei es mit dem Bau von Einfamilienhäusern allein nicht mehr getan. Der Stadtbaurat verweist auch auf den Generationenwechsel, der sich in vielen Wohnquartieren vollziehe. „Nachbarn, die sich heute beklagen, sind bald nicht mehr da“, sagt Nolda.

Der Änderung oder Aufhebung von unzureichenden Bebauungsplänen (siehe Artikel links), durch die der Bau von überdimensionalen Mehrfamilienhäusern möglich wird, erteilt Nolda eine Absage. Vorhandene Bebauungspläne zu ändern, sei nicht bloß teuer und zeitaufwendig, sondern auch rechtlich schwierig. Der Stadtbaurat rechnet damit, dass viele Grundstückseigentümer gegen solche „Eingriffe ins Grundstück“ vor Verwaltungsgerichte ziehen würden.

Auch in einer Aufhebung der alten Bebauungspläne durch die Stadtverordnetenversammlung sieht er keine Lösung. Dann würde wieder die Vorgabe des Baugesetzbuches gelten, dass sich ein neues Haus nach Art und Maß in die Umgebung einzufügen hat. Bei dieser Vorschrift gebe es laut Nolda jedoch einen großen Spielraum. Für die städtische Bauaufsicht „ist das nicht zu schaffen und schafft auch keine Qualität“, ist der Stadtbaurat überzeugt. Alle Neubauvorhaben nur nach dieser Regelung im Baugesetzbuch zu begutachten, „ist definitiv nicht zu leisten“.

In Grenzfällen sei man in der Bauaufsicht durchaus streitbar und winke keineswegs alles durch, wie oft kritisiert werde. Streitige Auseinandersetzungen mit Bauherrn würden aber nicht nach außen getragen. Nolda berichtet von Fällen, in denen Bauherrn bis zu sechs Entwürfe vorlegen mussten, bis man sich einig gewesen sei. „Wir versuchen, eine Lösung zu finden, die für alle akzeptabel ist.“

HNA-Lesertreff zum Thema

Der Bau von großen Mehrfamilienhäusern sorgt in vielen Stadtteilen für Ärger und hitzige Diskussionen. Die umstrittenen Neubauten sind Thema beim HNA-Lesertreff am Donnerstag, 16. Juli, um 19 Uhr im Bürgersaal des Rathauses. Sechs Fachleute werden den Zuhörern Rede und Antwort stehen.

Auf dem Podium diskutieren Kassels Stadtbaurat Christof Nolda (Grüne), der Leiter des städtischen Amtes für Stadtplanung, Bauaufsicht und Denkmalschutz, Volker Mohr, der von einem Stadtvilla-Neubau auf dem Nachbargrundstück betroffene Hauseigentümer Wolfgang Koch aus Harleshausen, die Kasseler Immobilienfachwirtin und Projektentwicklerin Ricarda Frede sowie die Kasseler Architekten Professor Alexander Reichel und Hannelore Hafer. Sie hat ein alternatives Konzept entwickelt, wie Wohnquartiere in Gartensiedlungen wie zum Beispiel im Stadtteil Harleshausen auch ohne den Bau von überdimensionalen mehrgeschossigen Stadtvillen erweitert werden und künftig mehr Bewohner aufnehmen können.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.