"Stigmatisierung von Abtreibungsärzten nimmt zu"

Kasseler Ärzte haben Angst vor Abtreibungsgegnern

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Die Kasseler Frauenärztin Nora Szász.

Zwei Kasseler Frauenärztinnen wurden von Abtreibungsgegnern angezeigt. Im Kasseler Stadtparlament wurde nun deutlich, dass viele Mediziner Angst vor radikalen Protesten haben. 

Seit Monaten schwelt ein Streit zwischen SPD und CDU über das in Paragraf 219a festgeschriebene Werbungsverbot für Abtreibungen. Am Montag beschäftigte sich auch das Kasseler Stadtparlament mit dem Thema. Vorausgegangen war die Forderung der Kasseler Linken, dass die Stadt Kassel auf ihrer Internetseite zentral über Schwangerschaftskonfliktberatung informiert sowie eine Liste mit Ärzten veröffentlicht, bei denen Schwangerschaftsabbrüche vollzogen werden können.

Das war bereits im Sozialausschuss abgelehnt worden. Stattdessen stimmte das Stadtparlament gegen die Stimmen von sechs der sieben AfD-Abgeordneten nun einem Änderungsantrag der Grünen zu, der lediglich die Information über Anlaufstellen für betroffene Frauen auf der Seite der Stadt Kassel vorsieht.

Hintergrund ist die Klage gegen die zwei hiesigen Frauenärztinnen Nora Szász und Natascha Nicklaus, die auf ihrer Webseite unter ambulanten medizinischen Eingriffen auch Schwangerschaftsabbrüche aufzählen. Das brachte ihnen eine Anzeige von Abtreibungsgegnern ein.

Um die betroffenen Mediziner spann sich auch die Diskussion im Kasseler Stadtparlament. Während Vera Kaufmann von den Linken sagte, die Veröffentlichung einer Ärzteliste werde von ihnen begrüßt, berichtete Awet Tesfaiesus (Die Grünen) von Kasseler Ärzten, bei denen die Veröffentlichung ihrer Adressen „große Ängste“ auslöse.

Die Gynäkologin Szász begrüßte das Engagement der Kasseler Linken ausdrücklich, sprach sich gegenüber der HNA aber gegen eine Liste aus. Zwar seien die betroffenen Mediziner anfangs tatsächlich dafür gewesen. „In den vergangenen Wochen sind wir aber sehr skeptisch geworden“, erläutert sie.

Grund dafür sei der Vorstoß des Ärztekammer-Präsidenten Frank-Ulrich Montgomery zu einem Kompromiss in der Debatte um Paragraf 219a. Nachdem er sich zunächst für die Streichung des umstrittenen Paragrafen eingesetzt hatte, plädierte er kürzlich nach Gesprächen mit Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) als „pragmatische Lösung“ für eine zentrale Liste mit Abtreibungsärzten. 

Szász fürchtet nun, dass diese Kompromissbereitschaft politisch als Alternative zur Abschaffung von 219a benutzt wird. Außerdem nehme die Stigmatisierung von Ärzten, die Abtreibungen vornehmen, immer stärker zu. „Wir haben die Befürchtung, dass eine entsprechende Liste zu einer schwarzen Liste für Abtreibungsgegner wird.“

Der Prozess gegen Szász und ihre Kollegin Nicklaus vor dem Kasseler Amtsgericht wegen des Verstoßes gegen Paragraf 219a beginnt am 29. August, 9 Uhr.

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