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Lauterbachs Kifferpläne: Kasseler Experten äußern Bedenken wegen Cannabis-Legalisierung

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Von: Matthias Lohr

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Gesundheitsminister Karl Lauterbach und die Koalition wollen Cannabis legalisieren. Experten begrüßen die Pläne - einige warnen aber vor den Folgen.

Kassel – Geht es nach Gesundheitsminister Karl Lauterbach und der Ampelkoalition in Berlin, darf in Deutschland bald legal gekifft werden. Vorige Woche stellte der SPD-Politiker die Pläne zur Cannabis-Legalisierung vor.

Demnach soll Cannabis in zertifizierten Läden oder Apotheken verkauft werden, Erwerb und Besitz von bis zu 30 Gramm „Genuss-Cannabis“ werden dann ebenso erlaubt wie der private Anbau von bis zu drei Pflanzen. Experten aus Kassel begrüßen die Pläne. Es gibt aber auch Bedenken.

„Amazon der Cannabis-Produkte“: Cansativa aus Hessen will mit Legalisierung weiter wachsen

Vorigen Mittwoch schaltete Jakob Sons den TV-Sender Phoenix ein, der Lauterbachs Pressekonferenz übertrug. Mit seinem Bruder Benedikt hat der Kasseler 2017 die Firma Cansativa gegründet, die medizinisches Cannabis vertreibt. Das Unternehmen mit Sitz in Mörfelden-Walldorf (Kreis Groß-Gerau) ist „das Amazon für Cannabis-Produkte“, wie Sons sagt. Mit der Legalisierung soll Cansativa weiter wachsen. Auch deshalb hat der US-Rapper Snoop Dogg zuletzt viel Geld in die Firma gesteckt.

Befürworten die Legalisierung: Bislang vertreiben die aus Kassel stammenden Brüder Benedikt (links) und Jakob Sons mit ihrer Firma Cansativa nur medizinisches Cannabis. Archi
Befürworten die Legalisierung: Bislang vertreiben die aus Kassel stammenden Brüder Benedikt (links) und Jakob Sons mit ihrer Firma Cansativa nur medizinisches Cannabis. © Harald Schnauder

Was Jakob Sons dann auf Phoenix sah, stimmte ihn zuversichtlich: „Die Pläne sind ein sehr wichtiges und positives Signal. Deutschland könnte nun eine Vorreiterrolle einnehmen bei einer EU-weiten Legalisierungsbewegung.“ Bislang galten die Niederlande als Vorbild. Kritiker halten die dortige Politik jedoch für gescheitert, weil noch mehr gedealt wird.

Unternehmer aus Kassel hält Deutschland und Niederlande bei Drogenpolitik für nicht vergleichbar

Laut Sons ist die Lage im Nachbarland nicht mit den deutschen Plänen zu vergleichen: In den Niederlanden „hat man den Schwarzmarkt weiter unbehelligt agieren lassen.“ Das soll in Deutschland anders werden. Zudem setzt Lauterbach auf einen rein nationalen Anbau. Dies sieht man bei Cansativa jedoch kritisch. „Wir glauben, dass der Markt so groß sein wird, dass Importe nötig sein werden“, sagt Sons. Zudem müsse der Preis „einschließlich der neu eingeführten Cannabis-Steuer so niedrig sein, dass sich das Produkt auch gegen Angebote auf dem Schwarzmarkt behaupten kann“.

Kritiker der Ampelpläne mahnen den Jugendschutz an. Laut Jakob Sons könne die Situation aber nur besser werden: „Schon jetzt hat jeder Jugendliche einfachen Zugriff auf Cannabis.“ Nun rücke Cannabis in die Mitte der Gesellschaft. Bei Cansativa ist man überzeugt, dass die positiven Effekte überwiegen werden.

Cannabis-Legalisierung in Deutschland: ADHS-Patienten kann Kiffen helfen - Risikofaktor bei Schizophrenie

Als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie weiß Prof. Dr. Martin Ohlmeier um die positiven Effekte, die Cannabis als medizinischer Wirkstoff haben kann – nicht nur bei Multipler Sklerose. In der Spezialambulanz für ADHS des Ludwig-Noll-Krankenhauses , dessen Direktor Ohlmeier ist, berichteten viele Patienten, dass sie regelmäßig kiffen: „Sie werden dadurch ruhiger und können leichter einschlafen.“ Der Chefarzt kennt aber auch die potenziellen Nebenwirkungen, die nicht unproblematisch seien.

Ohlmeier sagt: „Ein nicht unerheblicher Teil unserer Patienten mit Schizophrenie oder Psychosen hat Cannabis konsumiert. Cannabis ist hier ganz klar ein Risikofaktor. Bei Leuten, die regelmäßig kiffen, ist die Wahrscheinlichkeit, eine Psychose zu entwickeln, deutlich erhöht.“

Kiffen im Alltag: Kognitive und soziale Leistungsfähigkeit nimmt rapide ab

Jugendliche, die jeden Tag Cannabis konsumieren, entwickelten nicht selten ein sogenanntes Amotivationssyndrom. Die kognitive und soziale Leistungsfähigkeit nimmt rapide ab. Mit anderen Worten: Sie hängen nur noch rum. Hilfe suchen sie oft bei Barbara Beckmann und ihren Kollegen von der Drogenhilfe Nordhessen.

„Cannabis macht im ersten Moment glücklich“, sagt die Suchttherapeutin Beckmann, für die Cannabis eine soziale Gruppendroge ist. Meist wird es nicht allein konsumiert. Daher brauche man andere verlässliche Kontakte. Beckmann findet die Legalisierungspläne „okay, wenn der Jugendschutz ausgebaut wird“.

Mediziner Ohlmeier sagt zwar auch, dass es gute Gründe für und gegen eine Legalisierung gebe. Aus psychiatrischer Sicht hat er jedoch „eher Bedenken, da eine Legalisierung für einen Anstieg des Konsums und damit insgesamt von cannabis-induzierten Krankheiten und der Cannabisabhängigkeit sorgen wird“. Er fragt sich, ob nach Alkohol und Nikotin eine dritte Droge legalisiert werden muss: „Müsste man nicht mehr dagegen tun, dass Menschen zu viel Alkohol trinken und Tabak konsumieren mit häufig verheerenden gesundheitlichen Folgen?“

Hanf-Laden in Kassel: Kunden kommen wegen medizinischen Leiden

Steffen Westhelle hat Cannabis mit Mitte 20 mal auf einer Party probiert, wie er sagt. Heute leidet der 43-Jährige wegen eines Trümmerbruchs im Sprunggelenk unter Nervenschmerzen. Deshalb konsumiert er Cannabis: „Anders sind die Schmerzen nicht in den Griff zu bekommen.“

Zudem hat der Sohn des Insolvenzverwalters Fritz Westhelle daraus ein Geschäft gemacht. In der Friedrich-Ebert-Straße betreibt Westhelle junior die Hanf-Zentrale, wo es zahlreiche Hanfprodukte gibt. In seinen Laden kommen Kunden mit Hautproblemen oder Rheuma, die medizinisch alles ausprobiert hätten, wie er sagt.

Feierabend-Joint statt Feierabend bald auch in Deutschland?

Für Westhelle ist Cannabis verträglicher als Alkohol: „Es gibt viele, die statt eines Feierabendbiers einen Feierabend-Joint konsumieren. Die kriegen keinen Kater und sind am nächsten Tag wieder einsatzfähig. Natürlich begrüßt er die Legalisierung. Und zwar auch deshalb, um Jugendliche zu schützen. Bislang kaufen Teenager auf dem Schulhof Gras, von dem niemand weiß, was drinsteckt. Das soll Lauterbachs Plan verhindern.

In der Hanf-Zentrale ist gerade Teilräumungsverkauf, um zusätzlichen Platz zu schaffen für ein neues Café, das im Dezember eröffnen soll. Dort will Westhelle auch Hanfprodukte verkaufen. (Matthias Lohr)

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