Schuldezernentin Ulrike Gote im Interview

Streit um Luftfilter in Schulen: „Gesundheitsgefahr für Kinder“

Luftfilter in der Fridtjof-Nansen-Schule
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Da war man in der Fridtjof-Nansen-Schule noch zuversichtlich: Im September, als dieses Foto aufgenommen wurde, präsentierte Schulleiterin Claudia Laaber mit Eltern, Schülern und Sponsoren die neu angeschafften Luftreiniger.

Das Thema Schutz vor Corona in Schulen erhitzt weiter die Gemüter. Vor allem der Aspekt mobile Luftfiltergeräte hat an Brisanz gewonnen - und sorgt in Kassel für Unmut.

Kassel – Die Diskussionen um Luftfiltergeräte in Kasseler Schulen nehmen kein Ende: Schuldezernentin Ulrike Gote lehnt die Geräte ab und setzt auf Stoßlüften gegen eine Corona-Gefahr. Sie hat veranlasst, dass die in der Fridtjof-Nansen-Schule vom Schulelternbeirat und -förderverein mit Hilfe von Sponsoren angeschafften mobilen Luftreiniger wieder abgebaut wurden. Damit hat sie eine Kontroverse und Unverständnis ausgelöst. Wir sprachen darüber mit Ulrike Gote - und auch mit dem Hersteller der Filter.

Frau Gote, warum haben Sie jetzt die Entscheidung getroffen, dass die Luftreinigungsgeräte in der FNS entfernt werden müssen?
Ganz klar, weil von diesen Luftfiltergeräten eine Gesundheitsgefahr besonders für Kinder ausgehen kann. Nachdem die Geräte – übrigens ohne Absprache mit der Stadt – aufgestellt wurden, haben wir uns über die Geräte informiert. Inzwischen wissen wir: Selbst in der Betriebsanleitung steht, dass diese Geräte nicht für Schulräume geeignet sind.
Wieso nicht geeignet?
Diese Geräte arbeiten mit Ozon und UV-Strahlen, von denen besonders für Kinder Gesundheitsgefahren ausgehen können. Deswegen betont der Hersteller auch in der Betriebsanleitung, dass er bei nicht bestimmungsgemäßer Verwendung nicht für Schäden haftet.
Warum wurde das nicht früher kommuniziert?
Wir haben mehrmals informiert und kommuniziert. Im September hatten wir bereits eine erste Pressemitteilung veröffentlicht. Im Oktober – kurz nachdem die Geräte aufgestellt wurden – gab es ein Informationstreffen mit den Leitungskräften aller Kasseler Grundschulen. Und schließlich hat das Kultusministerium Anfang November die Lehrkräfte angewiesen, dass Luftfilter nur in Absprache mit dem Schulträger aufgestellt werden dürfen. Außerdem haben alle Schulen von der Stadt einen Flyer erhalten mit klaren Informationen. Ich möchte den Ball einmal zurückspielen: Ich hätte mir gewünscht, die Leiterin der Fridtjof-Nansen-Schule und der Elternbeirat hätten spätestens nach diesen vorliegenden Informationen den Kontakt zu uns gesucht. Das ist leider nicht passiert. Erst Ende November habe ich das erste Schreiben vom Elternbeirat erhalten.
Sind Sie im Gespräch mit der FNS? Wie ist dort der Sachstand?
Nach unseren sehr deutlichen Hinweisen sind die Geräte nun Gott sei Dank abgebaut. Wir sind jetzt im Gespräch. Es gab in dieser Woche ein Treffen mit dem Vorstand des Elternbeirats und der Schulleitung. So edel und verständlich die Motive gewesen sein mögen, so schlecht ist es leider im Fall der Fridtjof-Nansen-Schule gelaufen.
Wie gehen Sie mit Kritikern um? Vor allem vor dem Hintergrund, dass auch andere Schulen in Erwägung ziehen, Luftfiltergeräte anzuschaffen.
Natürlich begrüßen wir das Engagement von Eltern und auch Lehrkräften. Ich habe großes Verständnis, dass sie sich gerade in diesen Zeiten um die Gesundheit der Kinder sorgen. Aber auch als Mutter von drei Kindern sage ich ganz deutlich: Ich würde nicht wollen, dass meine Kinder in einem Raum unterrichtet werden, in dem gesundheitsgefährdende Geräte dauerhaft laufen.
Zur Verwirrung trägt bei, dass das Land Hessen ein Förderprogramm für Luftfilter auf den Weg gebracht hat. Können Sie dazu etwas sagen?
Das Land will ein generelles Förderprogramm auflegen. Nur stehen die Richtlinien noch gar nicht fest. Angekündigt ist, dass daraus zum Beispiel CO2-Ampeln und auch die Instandsetzung von Fenstern finanziert werden sollen. Die Anschaffung von Luftfiltergeräten soll demnach nur gefördert werden für Räume, die sich nur unzureichend lüften lassen. Wir haben alle Schulräume geprüft – das Ergebnis: In Kassel findet kein Unterricht in Räumen statt, die sich nicht lüften lassen.
Was bedeutet das für Luftfilteranlagen generell?
Grundsätzlich gilt für alle Schulen in Kassel: Nur wenn unsere Gebäudetechniker Geräte geprüft und als unbedenklich eingestuft haben, dürften sie aufgestellt werden. Bei all dem muss man auch sehen, dass gerade Kinder mit ihrer Neugier solche Geräte erkunden wollen. Deshalb muss gewährleistet sein, dass sie kindersicher sind. Aber klar ist doch, dass die meisten Luftfiltergeräte nicht den Nutzen bringen, den sich viele erhoffen.
Was machen Sie, um Ruhe in die überhitzte Debatte zu bringen? Wie soll Unterricht in den Schulen am besten vonstattengehen?
Es bleibt dabei, was wir schon im September gesagt haben: Lüften ist das wirksamste Mittel. Das hat jetzt auch eine aktuelle Untersuchung der Technischen Hochschule Mittelhessen bestätigt, darin heißt es: Die Stoßöffnung aller Fenster hat über drei Minuten bei Außentemperaturen von 7-11 Grad Celsius die eingebrachte Konzentration an Aerosolen bis zu 99,8 Prozent gesenkt. Damit erwies sich die Fensterstoßlüftung um das 10- bis 80-fache wirksamer als ein unlängst dokumentierter Einsatz der maschinellen Luftfilterung. Dabei war in demselben Klassenraum mit vier mobilen Luftfiltergeräten nach etwa 30 Minuten bei gleichzeitigem Dauerbetrieb eine Reduzierung der Konzentration um 90 Prozent festgestellt worden. Diese Tatsachen kann man doch nicht einfach ignorieren und sich eigene alternative Fakten konstruieren.

Hersteller der Comedes-Luftreinigungsgeräte wehrt sich gegen Gotes Aussagen

Der Hersteller der von der Fridtjof-Nansen-Schule mit privaten Mitteln angeschafften Luftreinigungsgeräten, Philipp Thannhuber von der Firma Comedes im bayerischen Wallersdorf, ist glasklar in seinem Statement zur Kasseler Kontroverse: „Wenn jemand behauptet, von unseren Geräten gehe eine Gesundheitsgefährdung aus, soll er uns das beweisen. Es stimmt nämlich schlicht und einfach nicht.“

Die Geräte, die die Firma seit rund 20 Jahren herstelle und die vor allem von Allergikern verwendet werden, seien EU-konform. Auch wenn die Luftreiniger nicht für Schulklassen entwickelt worden seien, so gelten für Luftreiniger in diesen Räumen die gleichen Normen wie für alle anderen Räume auch. Thannhuber bedauert, dass die Stadt Kassel ihn zu keiner Zeit kontaktiert habe. Er selber habe Stadtbaurat Christof Nolda angerufen und auf eine Pressemitteilung vom 27. September reagiert, mit der Bitte um Richtigstellung. Darin habe gestanden, dass die Luftfiltergeräte gesundheitsschädlich seien. Nachfragen vom Schulträger habe es nie gegeben, obwohl Nolda angekündigt hätte, „dass sich jemand mit mir in Verbindung setzen wird“. Thannhuber: „Es hat nie jemand mit uns gesprochen.“

Stattdessen beruft sich der Schulträger auf einen Passus aus der Bedienungsanleitung für das Luftreinigungsgerät. Darin heißt es: „Der Luftreiniger ist nur zur Luftreinigung von privat genutzten Räumen (z.B. für Wohn-, Schlaf-, Lager- oder Kellerräume) bestimmt. Der Nutzer hat die vorgegebenen Betriebsparameter dieser Anleitung einzuhalten. Die Maschine darf nur nach ihrer Bestimmung verwendet werden. Jede weitere, darüber hinausgehende Verwendung ist nicht bestimmungsgemäß. Für daraus hervorgerufene Schäden oder Verletzungen aller Art haftet der Benutzer/Bediener und nicht der Hersteller.“

Dazu sagt Thannhuber, dass Klassenräume nicht explizit aufgezählt seien, weil eine Aufstellung dort vor Corona kein Thema war. „Selbstverständlich haften wir für Schäden im Rahmen der gesetzlichen Produkthaftung.“ Hinsichtlich der Bedienungsanleitung kündigt Thannhuber eine Änderung an: „Wir haben die Sachlage erneut geprüft und sind jetzt zu dem Schluss gekommen, dass für Luftreiniger in Schulräumen die gleichen Normen gelten wie in Privaträumen. „Die Bedienungsanleitungen werden wir dementsprechend aktualisieren, sodass die Beschränkung auf private Räume künftig entfällt.“

So sei es auch ein normaler Hinweis, dass in der Bedienungsanleitung wie bei den meisten elektrischen Geräten stehe, dass Kinder das Gerät nicht bedienen dürfen. Das bedeute aber nicht, dass vom Gerät selbst eine Gefahr für Kinder ausgehe.

Zum Thema Ozon sagt Thannhuber: „Die zulässigen Ozon-Emissionen von Luftreinigern sind exakt gesetzlich geregelt. Unsere Geräte entsprechen den Vorgaben, sodass es keine gesundheitsgefährdende Ozon-Emission gibt. Nach wie vor gilt unser Gesprächsangebot. Gerne erläutern wir den Aufbau und die Wirkungsweise unserer Luftreiniger.“ (Christina Hein)

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