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Streit um Nahwärme: Kunden in Kassel und Verbraucherschutz klagen über Versorger

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Von: Bastian Ludwig

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Das Wohngebiet Feldlager in Kassel aus der Luft fotografiert.
Bewohner des Feldlagers in Kassel mussten sich an die Nahwärme anschließen lassen: Nur wer eine Wärmepumpe auf seinem Grundstück installierte, muss sich nicht vom Blockheizkraftwerk der Siedlung versorgen lassen. © Andreas Fischer/Skypic

Die Nahwärmenetze in Kassel stehen in der Kritik. Kunden werfen den Städtischen Werken mangelnde Transparenz vor.

Kassel – Die steigenden Energiepreise machen fast allen Haushalten zu schaffen. Abhängig von Heizung, Energieträger und Versorgungsvertrag trifft es die Menschen unterschiedlich hart. Als zukunftsweisend werden Fern- und Nahwärme gepriesen, bei denen von einem zentralen Kraft- oder Heizwerk die Wärme für Heizung und Warmwasser durch ein isoliertes Rohrsystem in die Häuser gelangt. Wegen extremer Preissprünge und weil betroffene Kunden den Städtischen Werken mangelnde Transparenz vorwerfen, stehen insbesondere die Nahwärmenetze in der Kritik. Wir schildern zwei Fälle.

Die Nahwärme der Städtischen Werke in Kassel

Die Städtischen Werke betreiben neben dem 180 Kilometer langen Fernwärmenetz, das ein Drittel des städtischen Wärmebedarfs deckt, mehrere Nahwärmenetze. Bei dieser dezentralen Versorgung liefert in der Regel ein Blockheizkraftwerk die Wärme für ein Quartier. Die angeschlossenen Haushalte müssen dafür langfristige Verträge – bis zu zehn Jahre – mit den Städtischen Werken abschließen. Meist gilt für die Haushalte im Quartier ein Anschluss- und Benutzungszwang an das Nahwärmenetz. Das heißt, eigene Gas- und Ölheizungen sind verboten. 2000 Haushalte werden von den Städtischen Werken mit Nahwärme versorgt.

Die Preisexplosion im Nahwärmenetz

Im Neubaugebiet Feldlager in Harleshausen mussten sich jüngst alle Haushalte an das Nahwärmenetz anschließen lassen. Nur wer sich autark mit einer Wärmepumpe versorgt, war davon ausgenommen. Ein Blockheizkraftwerk, das mit Biogas betrieben wird, beliefert alle sonstigen Häuser mit Wärme. Wer angeschlossen ist, spart sich die Investition in eine eigene Heizungsanlage.

Klaus Peter von Friedeburg vor dem Blockheizkraftwerk Hasenhecke.
Gewann mit Nachbarn Rechtsstreit gegen Städtische Werke: Nahwärmekunde Klaus Peter von Friedeburg vor dem Blockheizkraftwerk Hasenhecke. © Bastian Ludwig

Doch als die ersten Abrechnungen kamen, gab es viel Kritik. Teilweise mussten Familien bis zu 8000 Euro im Jahr für Heizung und Warmwasser zahlen. Grund dafür waren zum einen teils dreifach so hohe Verbräuche wie von den Städtischen Werken geschätzt.

Für den starken Anstieg sorgte zum anderen die Preisanpassungsformel in den Verträgen. Auf Basis dieser Formel wird der Preis für die Megawattstunde – je nach Vertrag – halb- oder vierteljährlich angepasst. Ein maßgeblicher Bestandteil der Formel war bei den Städtischen Werken bis zuletzt der Börsenpreis für Gas nach dem Egix-Index. Dieser unterlag wegen des Ukraine-Krieges starken Schwankungen. So kam es zu immensen Preissprüngen, die oft deutlicher ausfielen als bei Gaskunden.

Stark betroffen sind etwa auch die Haushalte im Wohnquartier Hasenhecke, wo bereits seit den 90er-Jahren 400 Wohnungen durch ein Blockheizkraftwerk versorgt werden. Gemäß ihrer Verträge fließt der Gaspreisindex Egix sogar zu 70 Prozent in den Nahwärmepreis ein.

Die Städtischen Werke kaufen für mehrere Jahre im Vorhinein ihr benötigtes Gas ein und wir sollen die aktuellen Börsenpreise zahlen.

Klaus Peter von Friedeburg

Zum Vergleich: Bei den Fernwärmeverträgen liegt dessen Anteil bei zehn Prozent. Das bedeutet, dass Fernwärmekunden viel weniger von den starken Börsenpreissprüngen am Gasmarkt betroffen sind.

Die Städtischen Werke erklären dies damit, dass die Blockheizkraftwerke mit Gas betrieben werden, während die Fernwärmeerzeugung in Kassel breiter aufgestellt sei (Müllverbrennung, etc.).

Der Verbraucherschutz

Aus Sicht des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen müssen Nah- und Fernwärme bei der Energiewende eine wichtige Rolle spielen. Die Preisgestaltung sei aber zu intransparent, und die Formeln kaum nachvollziehbar, so ein Sprecher. Auch auf der Internetseite der Städtischen Werke findet sich keine Angabe zu den Preisanpassungsformeln für Nah- und Fernwärme. Dies sei eigentlich gesetzlich vorgeschrieben, so die Verbraucherschützer. Die Bundesregierung müsse deshalb darauf dringen, dass die geltenden Transparenzvorschriften von den Anbietern auch eingehalten werden.

Weil der Fernwärmemarkt natürlicherweise von Monopolen geprägt sei und der Wettbewerb im Gegensatz zu Strom und Gas fehle, müssten die Versorger verantwortungsvoll damit umgehen, so der Sprecher des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen. Kunden seien Preisforderungen und Konditionen der Versorger ausgeliefert.

Eine Sprecherin des Kasseler Versorgers verweist darauf, dass die Formeln aktuell überprüft würden. Anschließend würden die neuen Formeln wieder veröffentlicht.

Der Kritiker

Klaus Peter von Friedeburg wohnt auf der Hasenhecke und ist Nahwärmekunde seit den 90er-Jahren. Er liegt seit Jahren im Rechtsstreit mit den Städtischen Werken. Gemeinsam mit 24 Nachbarn erreichte er 2017 vor dem Landgericht Kassel, dass der Kasseler Versorger insgesamt 30 000 Euro zurückzahlen musste.

Denn in den Preisanpassungsformeln für die Nahwärme auf der Hasenhecke war als ein Element der Heizölpreis aufgeführt. Weil der Ölpreis seinerzeit stark gestiegen war, taten es auch die Kosten für die Nahwärme, obwohl diese nur mit Gas erzeugt wurde. Das Landgericht sah darin auch ein Problem.

Im Zuge des Rechtsstreits legten die Städtischen Werke den Haushalten auf der Hasenhecke neue Verträge vor. Von Friedeburg weigerte sich zu unterschreiben. Grund dafür war, dass in der Preisanpassungsformel der Gasindex Egix dominierte, der aktuelle Börsenpreise widerspiegelt.

„Die Städtischen Werke kaufen für mehrere Jahre im Vorhinein ihr benötigtes Gas ein und wir sollen die aktuellen Börsenpreise zahlen. Nach sechs Wochen Ukraine-Krieg wurde bereits eine Preiserhöhung von 238 Prozent gefordert“, beklagt der Kunde. Mehrfach habe der Versorger ihm gedroht, die Versorgung einzustellen. Passiert sei bisher nichts.

Die Folgen für die Nahwärme-Kunden in Kassel

Von Friedeburg und zahlreiche Nahwärmekunden aus dem Neubaugebiet „Zum Feldlager“ fordern eine Veränderung der Preisanpassungsformeln. Unterstützung bekommen sie vom Verbraucherschutz. Sie alle sehen es kritisch, dass stark schwankende Börsenpreise für die Preisermittlung herangezogen werden, obwohl der Gaseinkauf des Versorgers über drei Jahre im Vorfeld erfolgt. Wobei der Verbraucherschutz klarstellt, dass die Preisgestaltung anhand des Egix vielleicht nicht fair, aber keinesfalls verboten sei.

Die Städtischen Werke wollen gegensteuern und überarbeiten ihre Formeln. Zum 1. Januar 2023 sollen neue Verträge mit Formeln ohne Egix vorgelegt werden. Ersetzt werden solle er durch einen anderen Börsenindex, der die Gaspreisentwicklung langfristiger bewerte, heißt es vom Unternehmen. Kurzfristige Ausschläge an der Börse sollen sich so nicht mehr so stark auf die Kasseler Fern- und Nahwärmepreise auswirken. Im Neubaugebiet Feldlager habe knapp die Hälfte der Haushalte die neuen Verträge bereits unterschrieben, so eine Sprecherin.

Andere Kunden sind weiter skeptisch. Die Städtischen Werke räumen ein, dass die Formeln nicht immer einfach zu verstehen seien. Ihre Mitarbeiter stünden aber für Fragen bereit.

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