Durch das N-Wort „werden die meisten von uns tief verletzt“

Rassismus im Stadtparlament: Verhindern die Grünen, dass das N-Wort geächtet wird?

„Black Lives Matter“-Kundgebung im Juni auf dem Königsplatz.
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Auch in Kassel wurde dieses Jahr gegen Rassismus demonstriert: „Black Lives Matter“-Kundgebung im Juni auf dem Königsplatz.

Eigentlich sollte das N-Wort im Kasseler Stadtparlament schon im November geächtet werden. Nun könnte der Antrag verfallen. Schuld sind die Grünen, sagt eine Aktivistin.

Kassel – Ruth Hunstock möchte, dass es ihrem Sohn nicht so ergeht wie ihr. Als Vierjährige floh sie mit ihrer Familie wegen des Krieges aus Eritrea. In Deutschland musste sie sich im Kindergarten dann Sätze anhören wie: „Wir spielen nicht mit dir, weil du braun bist.“

Auch deswegen gründete die Fremdsprachenkorrespondentin in Kassel die Initiative „Side by Side – Afrodeutsche und Schwarze Menschen Nordhessen“ und brachte über den Ausländerbeirat einen Antrag zur Ächtung des N-Wortes in die Stadtverordnetenversammlung ein.

Nach monatelangem Kampf fürchtet Hunstock, dass der Antrag nun doch nicht verabschiedet wird – pikanterweise wegen der Grünen. Die stehen zwar hinter der Forderung, dass „jegliche Verwendung des N-Wortes rassistisch ist“, aber sie hatten beantragt, dass das Thema am 2. November auf die Tagesordnung I nach vorn rückt. Dort wird über Anträge erst diskutiert. Anders als bei Punkten der Tagesordnung II, wo nur abgestimmt wird, kann es aber auch sein, dass sie aus zeitlichen Gründen von Sitzung zu Sitzung geschoben werden. So kam es. Sowohl am 2. November als auch am 7. Dezember kam der Tagesordnungspunkt nicht dran.

Würde dies auch am 1. Februar passieren, wäre der Antrag wegen der Ablauf der Wahlperiode verfallen. Ohne das Eingreifen der Grünen, ärgert sich Hunstock, „wäre das N-Wort schon seit dem 2. November geächtet“. Zudem hält sie eine Aussprache für unnötig, da Gegner des Antrags das N-Wort verwenden könnten. Dadurch würden „die meisten von uns Betroffenen zutiefst verletzt“.

Ähnlich erging es am 28. September Awet Tesfaiesus. Die Grünen-Stadtverordnete hörte, wie der CDU-Fraktionsvorsitzende Michael von Rüden in seiner Rede zur geschlechtergerechten Sprache das N-Wort verwendete, um zu verdeutlichen, dass sich Sprache verändert. Wie andere farbige Menschen vertritt Tesfaiesus die These, dass man das N-Wort auch in solchen Fällen nicht benutzt.

Sie erklärte damals, dass sie verletzt sei. Sonst reagierte während der Sitzung niemand. Die Rechtsanwältin hat das „sehr enttäuscht“. Sie erinnert sich, wie viele Stadtverordnete erbost waren, als einmal ein Fotograf in kurzen Hosen erschien. Damals hieß es, das verletze die Würde des Parlaments. Aber beim N-Wort blieb es still.

Der Vorfall im September hat sie darin bestärkt, dass „wir darüber reden müssen, dass sich Menschen verletzt fühlen“. Darum beantragte sie nach Absprache mit dem Ausländerbeirat die Verlegung des Punktes auf die Tagesordnung I: „Wir können so einen Antrag nicht nur abnicken und dann in der Schublade verstecken. Wir brauchen die Öffentlichkeit.“

Gleichwohl weiß Tesfaiesus, dass der Antrag verfallen könnte. Darum will sie im Ältestenrat dafür sorgen, dass das Thema in jedem Fall behandelt wird. Unterstützung erhält sie vom CDU-Fraktionschef. „Wir werden das mittragen“, sagt von Rüden, der beteuert: Mit der „historischen Herleitung“ des Begriffs habe er niemanden verunglimpfen wollen. Zum Gespräch zwischen ihm und Tesfaiesus ist es bislang nicht gekommen.

Hunstock hofft ebenfalls auf ein Happy End. Falls nicht, will sie in der nächsten Wahlperiode „den ganzen Weg noch einmal von vorne beschreiten“. (Matthias Lohr)

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