"Schlaue Tonne" in der Kritik

Streit zwischen Stadtreinigern und der Firma Innotec in Kassel

Kassel. Es schwelt ein Streit zwischen den Stadtreinigern und der Firma Innotec, die teilweise in neues System zur Müllentsorgung in den Kasseler Wohnstädten eingeführt hat. Es werde mehr Müll in gelbe Säcke gemogelt, sagen die Stadtreiniger. Das System funktioniert, sagt die Firma.

40 gelbe Säcken liegen im abgezäunten Bereich vor einem Hochhaus der Wohnstadt an der Waldemar-Petersen-Straße in Waldau. Zehn der Säcke nehmen die Stadtreiniger nicht mit. „Falsch gefüllt“, sagen Kim Wiegand und Bigin Ekrem von den Stadtreinigern. In einigen Säcken sind dieses Mal unter anderem auch Windeln und Glas gelandet. Das sei zuletzt häufiger vorgekommen. Die Stadtreiniger sehen die falsch gepackten Säcke als Folge des Abfallssystems, das die Firma Innotec Anfang des Jahres eingeführt hat. Bilgin Ekrem klebt einen roten Zettel mit Hinweis auf einen gelben Sack.

Kaum sind die Stadtreiniger verschwunden, fährt Detlev Kraninger von der Firma Innotec auf den Hof. Er kontrolliert für die Firma täglich, wie die Plätze, auf denen die neue Müllschleuse, Bio- und Papiertonnen stehen sowie gelbe Säcke gelagert werden, aussehen. Auch die Gelben Säcke sortiert er nach. „Die Stadtreiniger wollen uns provozieren“, sagt er. Die roten Klebezettel könnten sie sich sparen.

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Die Stadtreiniger, so vermutet der Innotec-Mitarbeiter, seien bei ihrem Müll besonders pingelig, weil sie weniger einnehmen: „Statt vier Restmülltonnen mit 770 Litern pro Woche, brauchen wir nur noch zwei“, sagt Kraninger. Dadurch würden pro Woche knapp 1500 Liter eingespart. Das passe den Stadtreinigern nicht.

Anfang des Jahres wurde in der Waldauer Wohnstadt das Abfallsystem eingeführt: Jeder Mieter zahlt pro Woche standardmäßig für den Einwurf von 20 Litern Restmüll. Im Durchschnitt warf jeder der Mieter ohne die Müllschleuse 60 Liter ein. 40 Liter können eingespart werden, glaubt die Firma. Das soll funktionieren, in dem besser getrennt wird und über den Faktor Geld. Für die Trennung gab es für die Mieter eine Beratung. Bei den Kosten gilt folgendes: Wer mehr als 20 Liter einwirft, zahlt pro eingeworfenen Müllbeutel – und zwar über einen Chip. Was das am Ende pro Müllsack kostet, ist noch nicht klar. Das wird erst am Ende des Jahres abgerechnet.

Da System sei gerechter, sagt die Firma Innotec: Jeder könne sparen, denn der Müll wird nicht mehr nach Quadratmetern der Wohnung , sondern nach Einwurf abgerechnet. Trotzdem lohne sich eine illegale Entsorgung nicht, weil mindestens 20 Liter Restmüll pro Woche pro Haushalt abgerechnet werden. Diese Menge ist rechtlich vorgeschrieben.

Das sehen die Stadtreiniger anders: Es komme vermehrt vor, dass Restmüll wie Windeln in den Gelben Säcken landeten. Das Volumen, das die Firma anbiete, reiche nicht aus. „Dazu ist der Anbieter aber rechtlich verpflichtet“, sagt Birgit Knebel, Sprecherin der Stadtreiniger. Grundsätzlich sei das Ziel, Restmüll zu vermindern, gut. Aber das System funktioniere nicht. Man habe Innotec mitgeteilt, das Volumen wieder zu erhöhen, hatte Gerhard Halm, Betriebsleiter bei den Stadtreinigern bei einer Sitzung des Umwelt- und Energieausschusses gesagt. Jetzt soll es zu einem klärenden Gespräch kommen.

Ob es zu einer friedlichen Lösung kommt, darf aber bezweifelt werden. Im Umweltausschuss fiel bereits das Wort ein gerichtlichen Auseinandersetzung. Das war auch aus dem Umfeld der Firma Innotec schon zu hören.

Von Max Holscher

Hintergrund:

1200 Mieter der Kasseler Wohnungsbaugesellschaft Wohnstadt sind bisher an das elektronische Müllschleusen-System der Kieler Firma Innotec angeschlossen. Das System registriert jeden Einwurf eines Müllsacks. Bei der Müllschleuse handelt es sich um einen Betonkäfig, in dem sich die normalen Restmülltonnen der Stadtreiniger befinden. Durch zwei Klappen (für 5- und 20-Liter-Säcke), die sich von den Mietern mit einem Chip öffnen lassen, können sie Müllsäcke einwerfen. Vor drei Jahren hatte die Wohnstadt das System mit 100 Mietern erprobt. Seit 2014 sind große Siedlungen angeschlossen. Dazu gehört die Waldauer Wohnstadt-Siedlung und Mietshäusern in Wolfsanger, Oberzwehren und Rothenditmold. Die Firma Innotec versucht damit Gebühren zu senken und ist als Gegenleistung an der Einsparung beteiligt. (mho)

Archivvideo: Schlaue Tonne - Nur noch pro Müllsack bezahlen

Rubriklistenbild: © Ludwig

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