Kasselwasser versorgt sich selbst

Strom, gewonnen aus Klärschlamm - Neuer Faulturm macht´s möglich

Drei Eier voller Klärschlamm: Mit der blauen Beleuchtung möchte Kasselwasser laut Sprecher Karsten Köhler die Bauwerke einmal anders präsentieren. Kurz vor Weihnachten sollen sie rot angestrahlt werden. Links ist der neue Faulturm zu sehen. Foto: Schachtschneider

Kassel. Bei Kasselwasser ist was faul – und darüber freut sich der städtische Eigenbetrieb sehr. Denn künftig will er sich mit dem fast fertigen dritten Faulturm unabhängig vom Energienetz mit Strom versorgen, der aus Abwasser entsteht.

Im Januar soll das neue, 42 Meter hohe Ei voller Klärschlamm in Betrieb genommen werden.

In den vergangenen Jahren sei mit den beiden alten Faultürmen bereits etwa ein Viertel des elektrischen Energiebedarfs des gesamten Unternehmens Kasselwasser erzeugt worden, sagt Firmen-Sprecher Karsten Köhler. 2013 seien das 3,43 Millionen Kilowattstunden gewesen. Die gesamte Anlage habe vergangenes Jahr 13,46 Millionen Kilowattstunden verbraucht.

Schlamm fault 20 Tage

Die sollen künftig selbst erzeugt werden, und das funktioniert so: Klärschlamm, der aus dem ankommenden Abwasser herausgefiltert wurde, wird in die Faultürme geleitet, die jeweils 7500 Kubikmeter fassen. Dort wird die mit Bakterien versehene Masse mit einem riesigen Mixer regelmäßig umgewälzt und fault 20 Tage bei 37 Grad vor sich hin. Bei diesem Prozess – von dem von außen nichts zu sehen oder zu riechen ist – entsteht Methangas, also das, was vor allem Kühe, aber auch Menschen bei der Verdauung produzieren und was meist nutzlos und klimaschädigend in der Atmosphäre verschwindet.

Für Kasselwasser aber ist dieses Gas Gold wert, denn es treibt ein Blockheizkraftwerk an, das Strom erzeugt. Da mit dem neuen Faulturm mehr Gas produziert werden kann, werde der Wasserversorger laut Köhler zudem eine neue Energiezentrale mit drei neuen Blockheizkraftwerken bauen. Die entstehende Wärme soll für die Erwärmung der Gebäude verwendet werden. Der gesamte Energiebedarf des Unternehmens soll ab Ende 2015 vollständig selbst gedeckt werden können.

Grund für die angestrebte Energieunabhängigkeit ist laut Köhler die Strompreisentwicklung: „Es wird immer teurer, der Verbrauch bleibt aber weitgehend gleich.“

Baubeginn für den dritten Faulturm mit allen dazugehörigen Nebenbauwerken wie Treppenturm, Maschinenhaus, Außenanlagen, Maschinen- und Elektrotechnik war im Juli 2012. Die Hülle sei nun fertig, nur an der Maschinentechnik im Inneren werde noch gefeilt, sagt Köhler. Insgesamt elf Millionen Euro hat Kasselwasser in den Faulturm investiert, für die Energiezentrale kämen noch einmal neun Millionen hinzu.

Der Projekt- und Bauleiter des Faulturms, Harald Jordan, rechnet damit, dass sich diese Investition durch die große Einsparung von gekauftem Strom innerhalb der nächsten zehn Jahre bezahlt gemacht hat.

Von Sina Beutner

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