SPD-Ikone mit NS-Makel

Studie: Branner vertrat ab 1933 Ideologie der Nazis

Volksnah: Kassels ehemaliger Oberbürgermeister Karl Branner (rechts) in der Sendung „Zum Blauen Bock“ mit Heinz Schenk. Das Datum der Aufnahme ist unbekannt. Foto: HNA-Archiv

Kassel. Am heutigen Montag wird um 20 Uhr die Studie zur NS-Vergangenheit der früheren Kasseler SPD-Oberbürgermeister Willi Seidel, Lauritz Lauritzen und Karl Branner im Bürgersaal des Rathauses präsentiert. Im Vorfeld stellen wir auf Basis der Studie die Verstrickungen der drei Stadtväter vor.

Die Legende vom Bäckerssohn aus der Unterneustadt, der es auf den Stuhl des Kasseler Oberbürgermeisters schaffte, muss korrigiert werden. Karl Branners (1910-1997) Denken und Wirken während der NS-Zeit wirft einen braunen Schatten auf die SPD-Ikone. Wie kein anderes der drei Stadtoberhäupter der Nachkriegszeit war er von der Weltanschauung der Nationalsozialisten erfasst. Dies legen vier Historiker aus Marburg und Kassel in ihrer Studie dar.

Bei der Frage seiner Verstrickung spielen der NSDAP-Eintritt im Mai 1933 und seine Mitgliedschaft in der Motor-SA eine untergeordnete Rolle. Viele Menschen traten damals aus Angst vor Nachteilen in die Partei ein. Entscheidender ist aus Sicht der Historiker Sabine Schneider und Eckart Conze (Uni Marburg) sowie Jens Flemming und Dietfrid Krause-Vilmar (Uni Kassel), wie Branner sich etwa in seiner Studienzeit positionierte.

1930 ging er für ein volkswirtschaftliches Studium an die Uni Göttingen. Dort sollte er sich gezielt den Nationalsozialisten Dr. Klaus Wilhelm Rath als Doktorvater aussuchen. Diesen charakterisieren die Forscher als „rabiaten Nazi“, der den Stopp der „Verjudung des wirtschaftlichen Denkens“ forderte. Zudem war der junge Branner führend im Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund und im antisemitischen NS-Rechtswahrerbund aktiv.

Einen Einblick in die Gedanken Branners liefert seine Doktorarbeit, mit der er 1937 promovierte. In dieser postulierte er die Finanz- und Steuerpolitik des NS-Regimes als zukunftsweisend. Die Steuer beschreibt er als „Akt der Gefolgschaftstreue gegenüber dem durch den Führer geführten Volke“. Obwohl die Fakultät dies nicht vorschrieb, markierte er jüdische Autoren, die er zitierte, mit einem Stern.

In Uniform der Motor-SA: Karl Branner 1935.

In den Kriegsjahren war er unter anderem am Russlandfeldzug beteiligt. In dieser Zeit habe er sich vom NS-Regime abgekehrt, sagte Branner nach dem Krieg vor der Spruchkammer in Marburg. Diese hatte über seine NS-Belastung zu entscheiden. Bei dieser Gelegenheit stilisierte er sich erfolgreich als Opfer und Widerstandskämpfer, wie die Forscher aufarbeiten. Begründet hatte er seine Opferrolle etwa mit einem Verfahren gegen ihn wegen Wehrkraftzersetzung 1944. Tatsächlich hatte er deshalb nur einige Tage Stubenarrest zu erdulden.

1945 war er in Jugoslawien in Gefangenschaft geraten. Dort bewies er ein weiteres Mal Anpassungsfähigkeit. Er war im Antifa-Ausschuss tätig, der die deutschen Soldaten im sozialistischen Sinne bildete und auch über deren Entlassung mitzuentscheiden hatte.

Deshalb musste sich Branner in den 50er-Jahren in Kassel vor Gericht verantworten. Heimkehrer hatten ihm vorgeworfen, wegen seiner Beurteilungen länger in Haft geblieben zu sein. Weil es an Beweisen mangelte, wurde das Verfahren beendet. Offiziell von NS-Belastung befreit, wurde er 1963 Oberbürgermeister und blieb bis 1975 im Amt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.