Besser schon an Schule erledigen

Studie der Uni Kassel zeigt: Hausaufgaben abschaffen

Kassel. Das wird Schüler freuen: Hausaufgaben gehören als Schulaufgaben zurück an die Schule – und sollten eben nicht mehr zuhause erledigt werden. Das hat eine Studie der Uni Kassel ergeben:

Genauer: eine Studie von Dr. Martina Nieswandt, Erziehungswissenschaftlerin der Uni Kassel. In einem Zeitraum von drei Jahren hat sie fünf Familien mit türkischem Migrationshintergrund für mehrere Wochen besucht. Dabei hat sie beobachtet, wie Grundschulkinder unter Mitwirkung der Eltern Hausaufgaben machen.

Grundsätzlich habe sie die Eltern in der Hausaufgabensituation als eine Art Tüv erlebt: „Die Fehler, die die Kinder bei den Hausaufgaben machen, waren der Antrieb, sich über Schule zu unterhalten.“ Es habe Mütter gegeben, die Fehler stehen gelassen hätten mit der Begründung, dass die Lehrer auch etwas zu tun haben sollten.

Andere hätten Buchstabenreihen der Schüler ausradiert, weil diese nicht ordentlich gewesen seien. Während Fehler im Klassenraum als Lernanlässe dienen können, weil hier die abweichenden oder falschen Gedankengänge sichtbar werden, werden Fehler zu Hause oft verbessert, sagt Nieswandt. Damit erhielten Lehrer keinen echten Einblick in das Können der Kinder, sondern in die Überprüfungsleistungen der Eltern. Hinzu komme die fachsprachlichen Besonderheiten in den Aufgabenstellungen, die es einigen Eltern erschwere, zu helfen: In einer Aufgabe sollten (Wort-)Bausteine in einen Text eingesetzt werden.

Doch was genau ist mit Bausteinen auf einem Deutsch-Arbeitsblatt gemeint? „Herauszufinden, was die genaue Bedeutung ist, haben die Mutter und das Kind länger aufgehalten, als die Aufgabe zu lösen“, beschreibt Nieswandt ihre Eindrücke. „Da es sich um eine qualitative Studie handelt, konnte ich bei den Familien ganz genau hinsehen“, sagt die Wissenschaftlerin.

„Ich habe keine Laborsituation vorgefunden, sondern den ganz normalen Hausaufgabenalltag mit verschiedenen Störfaktoren.“ Die Familien kommen aus allen Bildungsschichten. So hat Nieswandt Akademikerfamilien besucht, aber auch Familien, in denen die Frauen als sogenannte Heiratsmigrantinnen nach Deutschland gekommen sind und zum Teil nur fünf Jahre Schulbildung in der Türkei hatten.

„Das allein macht schon deutlich, dass nicht jedes Elternteil gleich gut oder gleich viel bei den Hausaufgaben helfen kann.“ Des Weiteren seien die Aufgaben in der Türkei anders konzipiert als in Deutschland, weiß Nieswandt von einer Türkeireise. Dort gebe es überwiegend Fragebögebögen mit vorgegebenen Antworten, bei denen die richtige Lösung angekreuzt werden muss. In Deutschland dagegen seien oft unterschiedliche Lösungswege zugelassen.

Diese Erkenntnisse führen Nieswandt zu der Annahme, dass „Hausaufgaben“ in die Schule gehören. Die Bearbeitung von Aufgaben könne in einem familiären Umfeld zu einem Bildungsnachteil für bestimmte Schüler führen: „Die Voraussetzungen sind einfach nicht dieselben.“

Von Miriam Linke

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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