Studie zu Kinderunfällen

Studie zu Kinderunfällen: Kinder zu Fuß in Kassel stark gefährdet

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Schnell noch zur Bahn: Die Schüler der Jacob-Grimm-Schule nutzen bei der Überquerung der Wilhelmshöher Allee fast nie die Fußgängerampel, die 100 Meter entfernt vom Ausgang der Schule liegt.

Kassel. Am Freitag wurde eine Schülerin in Kassel von einem Auto angefahren. Obwohl die Unfälle, bei denen Kinder beteiligt sind, in der Stadt zuletzt leicht abnahmen, gehört Kassel bundesweit zu den gefährlicheren Großstädten für Kinder - vor allem, wenn sie zu Fuß unterwegs sind.

Im Kinderunfallatlas der Bundesanstalt für Straßenwesen kommt Kassel nicht gut weg. Im Vergleich mit anderen Großstädten (100.000 bis 500.000 Einwohner) landet die nordhessische Metropole auf Platz 42 von 65: Mit 3,15 Unfällen pro 1000 Kinder bis 14 Jahren führt die Stadt das untere Drittel an.

Beim Vergleich der Unfälle, bei denen Kinder als Fußgänger beteiligt waren, ist es noch dramatischer: Dort gehört Kassel in der Vergleichsgruppe der Großstädte zu den zehn Orten mit der höchsten Kinder-Unfallquote. Für den Kinderunfallatlas wurde die Unfallentwicklung der Jahre 2006 bis 2010 ausgewertet.

Johanna Itter, Geschäftsführerin der Verkehrswacht Kassel, findet die Ergebnisse erschreckend: „Es liegt einiges im Argen. Nun muss mit der Polizei analysiert werden, warum Kinder hier stärker gefährdet sind als in anderen Großstädten.“ Ziel müsse es sein, Gefahrenpunkte zu erkennen und zu entschärfen.

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Ein Gefahrenpunkt liegt auf der Wilhelmshöher Allee, zwischen Jacob-Grimm-Schule (JGS) und Haltestelle Weigelstraße. Weil dort die Fußgängerampel, die zur Haltestelle führt, 100 Meter oberhalb des Ein- und Ausgangs der Schule liegt, laufen die meisten Schüler direkt über die viel befahrene Straße, um ihre Straßenbahn zu erreichen. Arnulf Hill, Schulleiter der JGS ist die Situation bekannt. „Ich fände es gut, wenn die Stadt die Verkehrswege so anlegen würde, wie sie genutzt werden“, sagt Hill. Zum Glück sei es seit seinem Amtsantritt vor zehn Jahren aber noch zu keinem Unfall gekommen.

Umbaupläne hat die Stadt derzeit nicht. Die jüngsten Zahlen der Polizei (2011: 62 Unfälle von Personen bis 14 Jahren) zeigen zumindest, dass die Unfälle nach einer Zunahme in den Jahren 2007 bis 2009 (Höchststand: 78 Unfälle) wieder rückläufig sind. Dieser Effekt spiegelt sich im Unfallatlas aber noch nicht wider. Ums Leben kam ein Kind im Straßenverkehr zuletzt im Jahr 2007.

Stadtelternbeirat Uwe Josuttis wundert sich, dass nicht noch mehr Unfälle mit Kindern passieren. „Die Schaltung der Ampeln ist nicht fußgängerfreundlich“, findet Josuttis. Als Beispiel nennt er den Bereich der Haltestelle Kirchweg, wo Straßenbahnen kreuzen dürften, auch wenn die Fußgängerampel grün leuchte.

Auch die Radwege böten in Kassel kaum Sicherheit, da sie oft nicht ausreichend von den Spuren des Auto- und Lkw-Verkehrs getrennt seien.

Ein weiteres Problem sieht Josuttis darin, dass Eltern zu oft „Taxi spielen“. Ein Kind könne nicht lernen, sich im Verkehr zurechtzufinden, wenn es selbst bis zur siebten Klasse keine Chance dazu bekomme. Itter von der Verkehrswacht hält es zudem für bedenklich, dass der Bund das Geld für die Verkehrserziehung an Schulen weiter zusammenstreichen wolle. Durch Straffung des Unterrichts gebe es zudem immer weniger Raum dafür.

Kreis steht besser da: Kinder weniger gefährdet

Im Jahr 2011 sind im Landkreis Kassel 50 Kinder bei Unfällen verletzt worden. Dies waren mehr als in den Vorjahren, als jeweils etwa 40 Kinder verletzt wurden. Im Kinderunfallatlas, der die Jahre 2006 bis 2010 untersucht, landet der Landkreis Kassel im Vergleich mit 412 Kommunen in der Spitzengruppe auf Platz fünf.

Im Vergleich mit allen 412 untersuchten Kommunen, also auch den dünn besiedelten Kreisen, landet die Stadt Kassel beispielsweise nur auf Platz 324. Der Schwalm-Eder-Kreis erreicht immerhin Platz 41, der Werra-Meißner-Kreis Rang 53 und der Landkreis Göttingen nur Platz 180.

In den meisten Fällen verunglücken Kinder im Landkreis als Mitfahrer in Autos (0,85 Fälle pro 1000 Kindern bis 14 Jahren), an zweiter Stelle kommen Unfälle, in denen sie als Fußgänger involviert sind (0,46 Fälle). Nur sehr selten (0,35 Fälle) sind sie als Radfahrer beteiligt.

Die meisten Unfälle passieren auf dem Schulweg

Aus dem Kinderunfallatlas geht auch hervor, dass die meisten Unfälle, bei denen Schulkinder bis 14 Jahren beteiligt sind, auf dem Schulweg passieren. Die unfallträchtigsten Zeiten liegen zwischen 7 und 8 Uhr sowie nach Schulschluss gegen 13 Uhr und 16 Uhr. Jungen sind stärker unfallgefährdet als Mädchen.

Kinderunfälle: Kasseler Zahlen

So schneidet Kassel beim Kinderunfallatlas im Vergleich zu anderen Großstädten (100.000 bis 500.000 Einwohner) ab:

• Verunglückte Kinder gesamt: 392 Unfälle (2006-2010). Platz 42 von 65. Im Schnitt 3,15 Unfälle pro 1000 Kinder bis 14-Jahren.

• Verunglückte Kinder als Fußgänger: 162 Unfälle mit Kinderbeteiligung (2006-2010). Platz 56 von 65.

• Verunglückte Kinder als Radfahrer: 97 Unfälle mit Kinderbeteiligung (2006-2010). Platz 17 von 65.

• Verunglückte Kinder als Mitfahrer im Auto: 133 Unfälle mit Kinderbeteiligung. Platz 53 von 65.

Von Bastian Ludwig

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