Kasseler Netzwerk baut gezielte berufliche Beratung auf

Studienabbrecher sind gefragt wie nie - Beratung für Aussteiger

Ausbildung statt Studium: Marius Bippig hat nach sieben Semester an der Uni jetzt bei der Kasseler Firma Plentymarkets eine Lehre als Fachinformatiker begonnen. Foto: Koch

Kassel. Im verflixten siebten Semester zog Marius Bippig die Reißleine. Trotz abgebrochenem Studium hat er einen Job gefunden.

Zweifel an seinem Informatikstudium hatte der Baunataler schon länger. Der Lernstoff war ihm zu trocken und die Finanzierung des Studiums ein Kraftakt. Trotzdem versuchte Bippig, sich durchzubeißen. „Bis ich gemerkt habe, dass es so nicht weitergehen kann.“ Ende vorigen Jahres brach er das Studium ab.

Es dauerte nur wenige Wochen, bis es für den 24-Jährigen weiterging: Seit Januar macht er eine Ausbildung zum Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung bei Plentymarkets in Kassel. Das stark expandierende Unternehmen entwickelt Programme für die Abwicklung der Geschäfte von Online-Händlern. Für Bippig war die zweite Wahl die richtige. Dank seiner Vorkenntnisse hat er, wenn alles klappt, schon Mitte 2016 seinen Abschluss in der Tasche. Auch sein Chef Steffen Griesel ist zufrieden. „Wir gucken nicht auf den Abschluss, sondern was die Leute für ein Potenzial haben“, sagt der Geschäftsführer. Er hat bereits fünf Studienabbrecher eingestellt. Seine Erfahrung: „Das sind hochmotivierte Leute, die schon Lebenserfahrung mitbringen.“

Nicht nur das Beispiel von Marius Bippig zeigt, dass ein Studienabbruch nicht in die berufliche Sackgasse führen muss. In Kassel gibt es seit gut zwei Jahren ein Netzwerk, das sich um die Beratung und Vermittlung von Studienzweiflern und -abbrechern kümmert. Anlaufstellen bei Uni, Arbeitsagentur und Kammern sowie weitere Partner haben sich dafür zusammengeschlossen.

„Studienabbrecher sind gerade in mittelständischen Unternehmen, die den Fachkräftemangel schon zu spüren bekommen, als höchst interessante Zielgruppe entdeckt worden“, sagt Roger Voigtländer von Kompakt e.V.. Der Verein berät im Auftrag seiner Mitgliedsunternehmen Studienaussteiger, schwerpunktmäßig im IT-Bereich. Er hat auch Bippig und Plentymarkets zusammengebracht. Während noch vor einigen Jahren ein Studienabbruch häufig mit Versagen assoziiert worden sei, setze sich inzwischen die Einsicht durch, dass die Betroffenen oftmals sehr gute Auszubildende seien, sagt Voigtländer. Auch weil sie sich im zweiten Anlauf intensiver mit der Berufswahl auseinandergesetzt hätten.

Auch rein zahlenmäßig ist das Potenzial groß: Bundesweit brechen 28 Prozent aller Bachelorstudenten ab, Zahlen für die Uni Kassel, an der aktuell fast 24.000 Studenten eingeschrieben sind, gibt es nicht.

Im Handwerk sei die Bereitschaft, Studienaussteiger einzustellen, ebenfalls hoch, sagt Barbara Scholz von der Handwerkskammer. Umgekehrt böten sich für die jungen Leute auch jenseits der akademischen Laufbahn Karrieremöglichkeiten: „Viele Betriebe suchen mittelfristig einen Nachfolger.“

Um Betriebe und Studienabbrecher direkt zusammenzubringen, veranstaltet das Kasseler Netzwerk am 7. Oktober erstmals einen Aktionstag. Bei einer Art Speed-Dating können beide Parteien Kontakte knüpfen.       Aktionstag am Mittwoch, 7. Oktober, 10 bis 15 Uhr, Handwerkskammer (Scheidemannplatz 2). Das Anmeldeformular für Studienabbrecher gibt es hier.

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