Politikvorlesung fand im Capitol statt – Studenten drehten Filme als Prüfungsleistung

Studieren im Kinosessel

Kino statt Klausuren: Die Politikstudenten Simon Albrecht (von links), Carolin Denecke (mit der Handpuppe „Michel Foucault“), Justine Sachelli, Markus Börger (mit „Günther Jauch“), Lisa Dürr (mit „Hannah Arendt“) und Thilo Trumpoldt machten sich ihren ungewöhnlichen Lernort, das Capitol-Kino, zunutze und drehten als Prüfungsleistung Kurzfilme. Fotos:  Schaffner

Kassel. Weiche Plüschsessel, schummriges Licht: Wenn Studenten ins Kino gehen, freuen sie sich normalerweise auf zwei Stunden Entspannung. Im Wintersemester war das zumindest für 150 Kasseler Politikstudenten anders. 

Weil an der Uni Platznot herrscht, mussten sie für ihre Einführungsvorlesung ins Capitol-Kino ausweichen – und passten ihre Prüfungsleistung dem ungewöhnlichen Lernort an. Anstatt eine Klausur zu schreiben, drehten sie Kurzfilme und präsentierten sie jetzt stilecht auf großer Leinwand.

„Natürlich ist ein Kino kein optimaler Ort für eine Lehrveranstaltung“, sagt Prof. Sonja Buckel rückblickend. Die 44-jährige Politikwissenschaftlerin hielt mit „Was ist Politikwissenschaft?“ nicht nur ihre erste Vorlesung an der Uni Kassel, es war auch ihre Premiere in einem Kino. „Den Studenten ist es schwergefallen, sich zu konzentrieren“, sagt sie. Schließlich ging es im Kinosaal diesmal nicht um James Bond oder Harry Potter, sondern um teils schwer zugängliche Texte von Michel Foucault, Max Weber und Hannah Arendt.

Dass der von der Uni angemietete Saal 1 im Capitol zudem über keine Tische verfügt, habe die Situation zusätzlich erschwert. Sonja Buckel ließ deshalb weder Klausur noch Essays schreiben, sondern machte sich das Kino auch für die Prüfungsleistung zunutze: „Die Studierenden hatten die Aufgabe, Kurzfilme zu drehen und darin einen zentralen politikwissenschaftlichen Begriff wie Macht, Demokratie oder Migration pointiert umzusetzen.“ Insgesamt sind so mehr als 60 Filme entstanden, die am letzten Veranstaltungstag präsentiert wurden. „Die Ergebnisse sind hervorragend geworden“, sagt die Professorin.

Einen besonders kreativen Ansatz, das Thema Macht filmisch umzusetzen, haben Carolin Denecke (23), Markus Börger (20) und Lisa Dürr (17) verfolgt. „Wir haben aus alten Socken Handpuppen geschneidert und ihnen die Gesichter von Hannah Arendt, Michel Foucault, Max Weber und Günther Jauch verpasst“, sagt Lisa Dürr. Im Stile einer Günther-Jauch-Talkshow ließen sie die Handpuppen so zu Wort kommen, wie sie die Theoretiker anhand von Texten in der Vorlesung kennengelernt hatten. „Ich glaube, dass durch die Filme mehr von der Vorlesung hängen geblieben ist, als wenn wir eine Klausur geschrieben hätten“, sagt Carolin Denecke.

Auch aus Sicht von Sonja Buckel könnten Kurzfilme als Prüfungsleistung durchaus Schule machen. „Die Studierenden haben gezeigt, dass sie sich inhaltlich mit der Vorlesung auseinandergesetzt haben und zugleich ihre Medienkompetenz erweitert“, sagt sie. Dass Vorlesungen allerdings in richtigen Hörsälen stattfinden sollten, finden auch die Studenten. Weiche Plüschsessel und schummriges Licht seien zwar die perfekte Umgebung für entspannte Filmabende - aber nicht zum Lernen.

Von Sebastian Schaffner

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