Wenn die Uni-Zeit kein Ende nimmt: Zwei Langzeitstudenten berichten

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Carsten Müller studiert seit 19 Semestern.

Göttingen. Carsten Müller ist 29 Jahre alt und studiert seit 19 Semestern. Damit ist er einer von etwa 1900 Langzeitstudenten in Göttingen, die mehr als vier Semester über der Regelstudienzeit liegen.

Lange dachte er, um das Studium zu schaffen, müsste er sich nur mehr anstrengen. Er hat den Fernseher aus seinem Zimmer geräumt, Tagespläne gemacht, Partys und Urlaube gestrichen. Geholfen hat das nichts. Vor zwei Jahren bekam er Schlafstörungen und eine Schreibblockade.

Rund 200 Langzeitstudenten nehmen pro Jahr am Studienabschlusscoaching des Göttinger Studentenwerks teil, das sind etwa 20 Prozent der Teilnehmer. Die Diplom-Psychologin Kerstin Karg leitet das Angebot der Psychosozialen Beratungsstelle und erklärt: „Der Abschluss ist immer eine Krisensituation.“

Vielen falle es schwer, sich nach dem normalen Studium, das durch Seminare, Vorlesungen und Fristen strukturiert ist, in der Examensphase selbst zu organisieren. Auch Sascha (möchte seinen vollen Namen nicht nennen), 32 Jahre und im 21. Semester, kennt diese Probleme. Er studiert Pädagogik und Sport auf Magister und gehört zu den rund 2100 Studenten aus den auslaufenden Studiengängen, die noch in Göttingen studieren.

Sascha hat seit drei Jahren alle Voraussetzungen für den Abschluss. Der Druck ist bei beiden Studenten immer im Hinterkopf. „Die meisten quälen sich sehr“, bestätigt Kerstin Karg. „Langzeitstudenten haben außerdem häufig mit Selbstwertproblemen zu kämpfen.“

Auch Sascha ist „das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten abhanden gekommen“, sagt er. Dabei hat er alle Studienleistungen erbracht, nur die letzten Prüfungen und die Abschlussarbeit fehlen noch.

Um sein Studium und den Lebensunterhalt zu finanzieren, jobbt er in einer Kneipe und bietet Sportkurse an. Weil man beim Arbeiten ganz anderes Feedback bekommt, „gerät das Studium durch Nebenjobs häufig in den Hintergrund“, erklärt die Psychologin. Langzeitstudenten seien aber nicht weniger ehrgeizig als andere, „manche haben hohe Ansprüche an sich selbst und sind sehr perfektionistisch“. Der Uniabschluss wird zur Hürde, wie bei Sascha.

Vor zwei Wochen hat Carsten die Diagnose ADS (Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom) erhalten. Mittlerweile zahlt er 1100 Euro Studiengebühren pro Semester. Für den Abschluss fehlen ihm noch acht Hausarbeiten, eine davon schiebt er seit fünf Jahren vor sich her. Jetzt hofft er auf die Wirkung von Medikamenten und einer Verhaltenstherapie, die er gerade begonnen hat. Therapien und Studienberatungen hat Sascha schon hinter sich, ein weiterer Grund für die hohe Semesterzahl.

Ihr Studium wollen beide beenden, auch, um sich selbst zu beweisen, dass sie es schaffen können. Und damit nicht alles umsonst war.

Von Sarah Nalazek

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