Frauenschwimmen im Hallenbad Süd: Ein Stück Freiheit

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Nur vier Frauen lassen sich im Becken des Hallenbads Süd fotografieren: Für die anderen muslimischen Schwimmerinnen wäre es undenkbar, wenn sie in Badekleidung auf einem Foto zu sehen wären. Birgit Hengesbach-Knoop (Frauentreff Brückenhof) ist froh, dass es dieses Angebot am Samstagmorgen wieder gibt.

Kassel. Ungewohntes Bild im Hallenbad Süd: Jeden Samstagmorgen dürfen nur Frauen ihre Bahnen im Wasser ziehen. Vor allem Muslima nutzen das Angebot.

Als Fotografin Pia Malmus mit ihrer Kamera in die Schwimmhalle kommt, ist das Gros der etwa 30 Frauen zunächst irritiert. Die Damen wollen auf keinen Fall in ihrer Badekleidung fotografiert werden. Nur vier Frauen, die ursprünglich aus Afghanistan stammen, sind einverstanden, dass sie für eine Reportage über das Frauenschwimmen aufgenommen werden. Aber nur von hinten. „Unsere Männer sind streng“, sagt eine Frau und lächelt.

Seit September bietet der Frauentreff Brückenhof jeden Samstag zwischen 8 und 10 Uhr ein Frauenschwimmen in dem sanierten Bad in Oberzwehren an. Es hatte sich bereits vor 15 Jahren etabliert, war aber nach der Wiedereröffnung des Bades zunächst nicht angeboten worden.

Religion und Gewohnheit

Birgit Hengesbach-Knoop und ihre Kolleginnen vom Frauentreff haben sich bei den Städtischen Werken dafür eingesetzt, dass es dieses Angebot nun wieder gibt. Es ist für viele gläubige Muslimas die einzige Möglichkeit, schwimmen zu gehen. Für sie wäre es unvorstellbar, sich vor einem fremden Mann in Badekleidung zu zeigen. „Wir sind es so gewohnt. Das ist unsere Religion“, sagt eine Afghanin.

Obwohl nur Mädchen und Frauen im Bad sind, verzichten einige Schwimmerinnen dennoch nicht auf Ganzkörperbadeanzüge, die Burkinis. Eine Frau schwimmt mit Kopftuch. „Manche mögen vielleicht auch nicht ihr Übergewicht zeigen“, erklärt eine junge Türkin die Bekleidung der Burkini-Trägerinnen. Sie selbst trägt Bikini.

Auch deutsche Frauen, die Gewichtsprobleme hätten, nutzten das Frauenschwimmen, sagt Hengesbach-Knoop. „Man muss nicht alles mit den Männern zusammen machen“, sagt eine Frau und schwimmt weg. Andere spielen Ball und springen vom Startblock ins Wasser.

Die 30-jährige Makbule geht auch ins ganz normale Freibad. Zum Frauenschwimmen begleitet sie ihre Tante. Es mache aber großen Spaß, samstags nur unter Frauen zu sein. Obgleich die Muslimas im Becken nicht unbedingt die gleichen Interessen wie deutsche Schwimmerinnen hätten. „Die Deutschen, die hier sind, schwimmen und tauchen wie ein Delfin“, sagt Makbule. Unter den Muslimas sind hingegen auch Nichtschwimmerinnen. Einige tragen Schwimmflügel.

Auch wenn die Damen kamerascheu sind, sind sie um so mitteilungsfreudiger und wissen, was sie wollen: Die Öffnungszeiten fürs Frauenschwimmen müssten ausgeweitet werden. Die zwei Stunden am Samstagmorgen reichten ihnen nicht. Am Anfang waren bis zu 130 Schwimmerinnen da. Bis die alle bezahlt und sich umgezogen haben, ist schon eine halbe Stunde vorbei. Bleibt eine Stunde fürs Schwimmen, um sich rechtzeitig umziehen und föhnen zu können. Das Schwimmen bedeute auch ein Stück Freiheit.

Eine 63-Jährige im Burkini (mit Kopfbedeckung) erzählt auf Türkisch, dass sie ein Jahr gebraucht habe, um schwimmen zu lernen. Eine Bekannte übersetzt. Jetzt übt sie im Nichtschwimmerbecken mit ihrer kleinen Enkeltochter. Geht ihr Mann auch ins Bad? „Nein, der kann nicht schwimmen“, sagt sie und lacht.

Von Ulrike Pflüger-Scherb

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