Fragen & Antworten zum Todesfall nach Vollbremsung einer Regiotram

Wer stürzt, haftet oft selbst

Gut festhalten: Benny Roob von der Bundespolizei zeigt, wie sich Fahrgäste auf Stehplätzen einen sicheren Stand verschaffen können. Foto: Ludwig

Kassel. Der Tod einer 74-Jährigen aus Felsberg, die bei einer Zwangsbremsung der Regiotram vergangenen Freitag an der Haltestelle Oberzwehren schwere Verletzungen erlitten hatte und daran am Montag im Klinikum Kassel verstarb, wirft viele Fragen auf. Wir beantworten sie.

? Wie konnte es zu dem Unglück kommen?

!Der Hergang ist noch nicht restlos durch die für die Bahnstrecken zuständige Bundespolizei geklärt. Klar ist: Die Frau war an der Haltestelle Oberzwehren in die Regiotram der Linie 9 eingestiegen. Zeugen wollen beobachtet haben, dass sie bereits auf einem Sitz Platz genommen hatte, der unmittelbar vor einem der Bahngelenke liegt. Kurz nach dem Anfahren der Bahn musste der Fahrer eine Zwangsbremsung einleiten, da es zu einem Kurzschluss in der Oberleitung gekommen war. Die Frau fiel auf den Boden und zog sich schwere Kopfverletzungen zu.

? Gibt es Hinweise, dass eine fehlerhafte Konstruktion oder die Technik der Bahn eine Ursache für den Unfall ist?

!Nein, alle Bahnen werden durch das Eisenbahnbundesamt geprüft, bevor sie zugelassen werden. Die Zwangsbremsung ist nötig und wird im Fall eines Kurzschlusses auch automatisch ausgelöst, wenn der Fahrer dies nicht tut. Dadurch soll verhindert werden, dass die 60 Tonnen schwere Regiotram unkontrolliert weiterfährt.

? Warum war die Wucht so verheerend, obwohl die Bahn erst beim Anfahren war?

!In diesem Punkt liege oft ein Missverständnis vor, sagt Heidi Hamdad, Pressesprecherin der KVG. Es würden wesentlich größere Kräfte wirken, wenn eine Bahn aus niedriger Geschwindigkeit eine Vollbremsung mache. Die Bremsung sei dann viel abrupter als bei einer Bremsung aus hohem Tempo.

? Wie häufig kommt es denn zu Gefahrenbremsungen?

!In 2013 mussten sämtliche Busse und Bahnen der KVG bisher 27 Gefahrenbremsungen machen. Dabei erlitten in sieben Fällen Fahrgäste Verletzungen – häufig nur leichte. In 2012 waren es 70 Gefahrenbremsungen, bei denen 14 mit Personenschaden endeten. Bis vergangenen Montag hatte noch keine Bremsung zum Tod eines Fahrgastes geführt. Jedes Jahr legt die KVG mit Bussen und Bahnen 11,5 Mio. Kilometer zurück – das zeigt, wie selten solche Vorfälle sind.

? Was sind Auslöser für solche Bremsmanöver?

!Meistens sind es Autofahrer, die unaufmerksam die Schienen mit ihrem Fahrzeug überqueren und so Bahnfahrer zur Bremsung zwingen. Häufig treten auch Fußgänger unachtsam auf die Schienen.

? Wer haftet in einem Schadensfall?

!Nur in wenigen Fällen stand die KVG bisher in Haftung oder Teilhaftung. Wenn der Verursacher (zum Beispiel ein Autofahrer) identifiziert werden kann, muss er für Schäden aufkommen. Ansonsten ist aber auch der Fahrgast verpflichtet, sich einen sicheren Sitz- und Stehplatz zu verschaffen. In den Beförderungsbedingungen der KVG ist geregelt, dass er auch dafür haftet.

Von Bastian Ludwig

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