Erfindung des Kasseler Medienkünstlers Sebastian Fleiter

Stundenhotel für Handys: Electric Hotel aus Kassel lädt Akkus mit Ökostrom auf

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Hier gibt es Strom zum Aufladen der Handys: Das Electric Hotel auf einem Festival auf dem ehemaligen Flugplatz Tempelhof in Berlin. Inzwischen ist der über 50 Jahre alte, silberglänzende Airstream-Wohnwagen auch im europäischen Ausland unterwegs.

Kassel. Auf dem Musikfestival unterwegs, das Handy leer und weit und breit keine Steckdose zum Aufladen des Akkus. Ein Fall für das elektrische Hotel des Kasseler Medienkünstlers Sebastian Fleiter. Der 43-Jährige hat den wohl größten mobilen Ladeadapter der Welt gebaut.

Mit dem über 50 Jahre alten, amerikanischen, silberglänzenden Wohnwagen ist Fleiter auf Musikfestivals und anderen Großveranstaltungen überall in Deutschland unterwegs, um schwächelnden Mobiltelefonen, digitalen Kameras und Laptops mit frischer elektrischer Energie auf die Sprünge zu helfen.

Die Hotelgäste lernen dabei, wie grüner Strom aus Sonne, Wind und Muskelkraft entsteht. Gestartet als künstlerisches Projekt, ist aus dem Electric Hotel ein Schaustück für Zukunftstechnologie und für einen bewussteren Stromverbrauch geworden. 2000 Handys können am Tag wieder aufgeladen werden.

Hintergrund: Wer strampelt, muss nichts zahlen

Und so funktioniert das Electric Hotel: Festivalbesucher geben ihr Handy oder ihre Digitalkamera an der „Rezeption“ ab. Dort wir geprüft, ob die Anschlüsse passen und das Gerät auch lädt. Die Geräte werden dann in ein eigenes, sicheres Schließfach gelegt. Die Schließfächer hat das Handy-Hotel von einer Bank bekommen. Der Geräteeigentümer bekommt einen Abholschein, mit dem er sein Handy mit vollem Akku wiederbekommt. Bis zu 400 mobile Geräte können geladen werden. Das Laden kostet regulär zwei Euro pro Stunde. Wenn Sponsoren das Electric Hotel für Großveranstaltungen gebucht haben, ist das Aufladen der Akkus oft kostenlos. Wer auf dem Rad oder mit dem Pumpspeicher-Wasserkraftwerk selbst Strom produziert, muss zwar Zeit und Schweiß einsetzen, aber nichts fürs Aufladen zahlen. Auf großen Festivals steht das Rad oft gar nicht still, ist der selbst gemachte Strom für viele Besucher ein großer Spaß.

„Wir sind internationaler geworden“, sagt Sebastian Fleiter. Das Handy-Hotel ist auch in Polen und England unterwegs, demnächst geht es nach Belgien. Den ganzen Sommer über ist die rollende Ladestation auf Achse. Jüngst konnten die Besucher des Heavy-Metal-Festivals in Wacken ihre Smartphones und Tablets mit der umweltfreundlichen Technik aus Kassel nachladen. 93 Prozent aller Mobiltelefone kann das Electric Hotel mit Strom versorgen.

Elektrische Energie wird von den Fotovoltaik-Modulen auf dem liebevoll restaurierten und mit modernster Technik vollgepackten Airstream-Wohnwagen aus dem Jahr 1960 erzeugt. Zudem gibt es zwei Windkraftanlagen, die den Wohnwagen zur autarken Strom-Insel machen. Die aus Sonne und Wind gewonnene elektrische Energie wird in Autobatterien gespeichert und dann zum Laden der Handys genutzt.

Das Electric Hotel zeigt weitere Möglichkeiten der umweltfreundlichen Stromgewinnung auf. Fleiter reist neuerdings mit einem mobilen Pumpspeicher-Wasserkraftwerk im Labormaßstab. Im Miniatur-Format wird dabei die Technik anschaulich gemacht, die zum Beispiel auch am Edersee im großen Maßstab eingesetzt wird. Ist überschüssiger Strom vorhanden, wird Wasser in einen hochgelegenen Speichertank gepumpt. Wird zusätzlicher Strom benötigt, wird das Wasser wieder abgelassen und treibt dabei Turbinen zur Stromerzeugung an.

Im Winter wird das Electric Hotel jeweils auf den neuesten technischen Stand gebracht. Die Ladetechniken für die mobilen Geräte ändern sich laufend, „wir müssen fleißig investieren, um dranzubleiben“, sagt der Chef. Etwa 500.000 Euro hat Fleiter bisher in sein Handy-Hotel investiert. Inzwischen gibt es durch Festival-Einsätze und Sponsoren genügend Einnahmen, um das Handy-Hotel zu finanzieren und in Schuss zu halten. In der nächsten Folge geht es um Sicherheit: In Ihringshausen wurde 1921 der Hahn-Zylinder erfunden, der bis heute Standard für Schließzylinder in Türschlössern ist.

Von Jörg Steinbach

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