Die Sorgen waren groß

Stuttgart 21 und Kassel 91: Wie Bahnprojekte geplant und umgesetzt werden

Damals für viele ein Fremdkörper: Das Vordach mit seinen Säulen stieß bei vielen Bürgern auf Ablehnung.

Kassel. Der Streit um Stuttgart 21 lenkt den Blick zurück auf eine ähnlich große Maßnahme der Verkehrsinfrastruktur in der Region - den Neubau der ICE-Schnellbahntrasse und des Bahnhofs Wilhelmshöhe.

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1991 wurden Kassel und Nordhessen („Kassel 91“) damit an das Hochgeschwindigkeitsnetz der Bahn angebunden. Was heute ein Segen für die ganze Region ist, war damals nicht unumstritten. Gegen die neue Bahntrasse und den Bahnhof gab es heftige Proteste. Gegner wie die Grünen sahen eine Katastrophe aufziehen - die Trasse sei verkehrspolitisch vollkommen verfehlt, hieß es Ende der 80er-Jahre.

Folgerichtig veranlasste der damalige hessische Umweltminister Joschka Fischer, dass die Bezirksdirektion Forsten und Naturschutz eine Klage gegen den Bahnhof Wilhelmshöhe einreichen musste. Schließlich zog das Land die Klage aber doch zurück.

900 Einsprüche

Viele Bürger protestierten aber weiter. Es gab während des Planungsverfahrens 900 Einsprüche gegen das Projekt. Die meisten kamen wegen der befürchteten Lärmbelästigung.

Der Protest hatte schon 1972 begonnen, als man Wind davon bekam, dass die Bahn eine neue Trasse im Westen Kassel befürwortete. Bürgerinitiativen wurden gegründet. Man befürchtete, dass ganze Stadtteile wie Harleshausen und Kirchditmold untertunnelt werden könnten. Und auch im Süden Kassels regte sich der Protest: Durch die Trasse über den Bahnhof Wilhelmshöhe würden die Bewohner aus der Südstadt und dem Auefeld vertrieben werden. Als die Entscheidung für die Trasse über den Bahnhof Wilhelmshöhe aber feststand, Gerichte und Parlamente entschieden hatten, war auch Schluss mit den Protesten. „Das war damals anders als bei Stuttgart 21“, erinnert sich Professor Dr. Günter Klotz, damals als Leitender Bahndirektor Chef für den Trassenbau im Kasseler Raum. Im Rückblick findet Klotz, dass „die Bürgerbeteiligung an solchen Großprojekten ebenso wichtig ist wie deren technische Planung“.

Heute erkennen selbst viele Kritiker von damals an, dass fast alles richtig gemacht wurde. Die Menschen wohnen noch immer in der Südstadt und im Auefeld. Harleshausen und Kirchditmold wurden nicht untertunnelt. Der Bahnhof und die Anbindung an die Schnellbahnstrecke haben die Standortqualität Kassels und insbesondere Wilhelmshöhes „quantensprungartig zum Positiven hin verbessert“, sagte Kassels früherer Oberbürgermeister Georg Lewandowski einmal. In der Tat: Der Stadtteil Bad Wilhelmshöhe wurde aufgewertet wie kein anderer. Es gibt so gut wie keine Baulücken mehr, Firmen blieben in Kassel oder neue siedelten sich an. Auf der Marbachshöhe entstand ein neues Wohnquartier mit Technologiezentrum, an der Wilhelmshöher Allee wurde fleißig gebaut und modernisiert.

Und nicht zuletzt machen es die kurzen Fahrzeiten ins Rhein-Main-Gebiet oder nach Hannover möglich, dass man dort arbeiten und hier wohnen kann.

Von Frank Thonicke

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