HNA-Serie rief alte Erinnerungen in Ingeborg Schleicher wach

Nach 70 Jahren: Kasselerin sucht ihren Jugendschwarm

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Das Café Paulus am Ständeplatz: Hier trafen sich die Teenager Ingeborg und Heinz-Theo Ende 1942/Anfang 1943.

Kassel / Baunatal. „Soll ich das aufschreiben?“ Diese Frage hat sich Ingeborg Schleicher kürzlich gestellt, nachdem sie in der HNA eine Geschichte über die Kasseler Familie Paulus gelesen hatte. In der 85-Jährigen kamen Erinnerungen hoch an die Jahre 1942 / 1943. Damals hatte sie einen jungen Mann kennengelernt.

Sie war 16, er war ein Jahr älter. Kennengelernt hatten sie sich im Stenografie-Kurs an der Mönchebergstraße. Heinz-Theo Heil führte sie zum ersten Mal ins Theater aus, sie gingen zusammen ins Kino, und er begleitete sie nach dem Stenografie-Kurs nach Hause. Zum letzten Mal trafen sich die beiden im Café Paulus, das damals noch am Ständeplatz war.

Der Artikel berührte sie: Nachdem Ingeborg Schleicher über die Familie Paulus und ihr Café in der HNA-Serie „Grabsteine und ihre Geheimnisse“ gelesen hatte, machte sie sich auf die Suche nach ihrem Jugendfreund. Den Brief, den sie an die HNA schrieb, begann sie mit dem Titel des Christine-Brückner-Romans „Ehe die Spuren verwehen“.

Es sind die wenigen schönen Erinnerungen, die Ingeborg Schleicher an diese schwere und grausame Kriegszeit hat. Ingeborg Homburg, so war ihr Mädchenname, verlor in der Bombennacht am 22. Oktober 1943 ihre Mutter und beide jüngeren Halbgeschwister. Mutter und Brüder (vier und neun) starben in einer Wohnung an der Hohenzollernstraße 58 - dort, wo heute die Kneipenmeile der Friedrich-Ebert-Straße ist. Die Eltern von Ingeborg lebten nicht zusammen.

Die Mutter schimpfte

Monate zuvor hatte sich die 16-jährige Ingeborg mit Heinz-Theo im Café Paulus getroffen. Er hatte einen Stapel Fotos von seinem Arbeitsdienst mitgebracht und erzählte Ingeborg davon. „Ich war so selig, weil ich einfach neben ihm sitzen durfte“, erinnert sich die 85-Jährige. Zu guter Letzt schenkte ihr Heinz-Theo noch eine Fotografie von sich und einen Ring mit einem roten Stein. Auf dem Nachhauseweg gab er Ingeborg ein „flüchtiges Küsschen auf die Wange“. Die 16-Jährige war glücklich. Ihre Mutter aber gar nicht, weil sie zu spät nach Hause gekommen war. „,Du kommst mir nicht wieder weg’, hat meine Mutter zu mir gesagt. Das Bild von dem hübschen jungen Mann in Arbeitsdienst-Uniform mit Schiffchen hat sie mir weggenommen.“ Den Ring durfte Ingeborg, die eine Ausbildung in der Kühlschrankfabrik Bitter Polar an der Fiedlerstraße machte, behalten. Sie verlor ihn allerdings später, als sie in Thüringen lebte. Dorthin war sie zur Familie ihres Vaters geflüchtet, nachdem Kassel zerstört worden war.

Karte aus England

1944 bekam sie ein letztes Lebenszeichen von Heinz-Theo. Er schickte ihr eine Karte aus England. Noch heute fragt sich Ingeborg Schleicher, woher er ihre Adresse in Thüringen hatte. Sie antwortete ihm aber nicht. „Ich hatte damals bereits meinen späteren Ehemann kennengelernt.“

Im Alter von 22 heiratete sie Rudolf Schleicher. Das Paar lebte zunächst in Erfurt und flüchtete kurz vor dem Aufstand in der DDR am 16. Juni 1953 über Berlin in den Westen. Ingeborg Schleicher kehrte mit ihrem Mann in ihre Heimatstadt Kassel zurück. Er war Feinmechaniker bei VW, sie arbeitete 27 Jahre bei der AEG. Ihr Mann starb sehr früh, im Alter von 60 Jahren. Ingeborg Schleicher, die mittlerweile in Baunatal lebt, ist seit 28 Jahren Witwe.

Fast 70 Jahre ist es her, dass sie mit Heinz-Theo Heil einen Nachmittag im Café Paulus verbrachte. Seitdem sie vor drei Wochen den Artikel über die Geschichte der Familie Paulus gelesen hat, sind die Erinnerungen wieder wach an den einst 17-jährigen Schwarm. Die 85-Jährige erkundigte sich beim Bürgerbüro und durchforstete die Telefonbücher in Stadt und Landkreis nach Heinz-Theo Heil. Ohne Erfolg.

„Wenn er noch lebt, mein Gott, wie mag er aussehen?“, fragt sie sich, „sehe ich in seinen Augen ein Wieder-Erkennen? Kann er sich erinnern? Kann er noch hören, sehen, empfinden, laufen, sprechen?“

Die Recherche der HNA hat ergeben: Heinz-Theo Heil lebt noch. Der 86-Jährige wohnt mit seiner Frau Martha in Fritzlar. Ob er sich noch an seine Jugendfreundin Ingeborg Homburg erinnern kann, lesen Sie in der Montagsausgabe der HNA.

Von Ulrike Pflüger-Scherb

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