Anstieg bei Online-Glücksspiel

Spielsucht: 28-Jähriger verzockt 80.000 Euro beim Glücksspiel

Ein Mann steht vor einem Bildschirm mit einer Seite für Online-Roulette.
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Ein Mann steht vor einem Bildschirm mit einer Seite für Online-Roulette: In der Region hat das Glücksspiel im Internet laut Experten durch die Coronakrise zugenommen.

Die Suchtberatung des Diakonischen Werks Region Kassel warnt vor Online-Casinos im Internet. Christian G. aus Edermünde hat viele Jahre gezockt und viel Geld dabei verloren. Hier erzählt er seine Geschichte.

Vor zehn Jahren, gerade mal volljährig, kam der fußballbegeisterte junge Mann aus Edermünde mit Sportwetten auf Bundesliga-Ergebnisse auf den Geschmack. Dann blieb er immer häufiger in der Spielhalle hängen. „Das war der Anfang vom Ende“, sagt der junge Mann heute. 50.000 bis 80.000 Euro hat er dabei verloren, schätzt der 28-Jährige. 

Dabei sei sein Spielverhalten damals noch harmlos gewesen, findet er rückblickend. Mehr als 150 Euro habe er nicht mitgenommen in die Spielhalle. Er habe noch ein Gefühl dafür gehabt, dass Miete, Lebensmittel und andere Fixkosten bezahlt werden mussten.

Sucht: Pfandflaschen als letzte Reserve

Den Höhepunkt erreichte seine Glücksspielsucht vor etwa eineinhalb Jahren. Da habe er mitunter die Pfandflaschen zum Supermarkt gebracht, um tanken und zur Arbeit fahren zu können, erzählt G. Und abends im Bett habe er sich den Kopf zerbrochen, wo Geld herbekomme, um in den nächsten Tagen noch Essen kaufen zu können.

Dabei hatte er sein Faible zum Zocken in der Spielhalle zwischenzeitlich in den Griff bekommen, erzählt der junge Mann. 2015 hatte er – auch auf Drängen seiner Mutter, die er immer wieder um Geld anpumpte – die Suchtberatung des Diakonischen Werks aufgesucht und sich daraufhin in der Spielhalle sperren lassen. Ein knappes Jahr lang habe er sich „im Zaum“ gehabt, sagt G. heute.

Doch dann entdeckte er Online-Casinos. Hinzu kam ein Kreuzbandriss, der ihn zwang, viel Zeit zuhause auf dem Sofa zu verbringen. Die Langeweile ließ sich mit dem Nervenkitzel beim Zocken im Netz vertreiben.

28-Jähriger über seine Sucht: „Ohne jedes Limit gespielt“

Online habe er bald „ohne jedes Limit“ gespielt, sagt Christian G. Anders als am Automaten, wo man das Geld einwirft und irgendwann ein leeres Portemonnaie hat, lassen sich bei Online-Casinos per PayPal oder Sofortüberweisung im Handumdrehen und immer wieder neue Beträge einzahlen. Wenn er seinen Lohn bekam, habe er oft die Hälfte innerhalb eines Tages verspielt, sagt der junge Mann, der als Facharbeiter in der Automobilbranche ein ordentliches Gehalt bekommt.

Online-Glücksspiel ist illegal

Was im Netz verfügbar ist, muss nicht legal sein: Online sind Glücksspiele um Geld in Deutschland verboten. Das wird sich im Juli 2021 mit Inkrafttreten des neuen Glücksspielstaatsvertrags jedoch ändern. Viele aus dem Ausland agierende Anbieter versuchten daher schon jetzt durch massive Werbung, sich Marktanteile zu sichern, so der Fachverband Glücksspielsucht. Er kritisiert, dass unter anderem Hessen dafür eintritt, Online-Casinos ohne deutsche Lizenz nicht mehr zu verfolgen.

Gespielt habe er für den Adrenalin-Kick im Alltag und um sich ein bisschen Luxus zu gönnen: Markenklamotten, die neuesten angesagten Turnschuhe, Urlaube. „Ich habe mir gewisse Fantasien aufgebaut, dass ich mir Hab und Gut erspielen kann“, sagt der 28-Jährige heute selbstkritisch. Inzwischen habe er eingesehen, dass er finanziell wesentlich mehr erreicht hätte, wenn er mit seinem Geld normal gehaushaltet hätte.

Vor gut einem Jahr überschlugen sich dann die Ereignisse. Er erzielte einen hohen Gewinn von 35 000 Euro – und hatte das Geld nach weniger als 48 Stunden bereits wieder verspielt. Kurz darauf entdeckte seine langjährige Freundin die Kontoauszüge mit den hohen Überweisungen an die Online-Casinos.

Wegen der Sucht ein Doppelleben geführt

Er habe jahrelang ein „Doppelleben“ geführt, sagt Christian G.: Eins als Spieler, der nur mit seiner Sucht beschäftigt war, und ein oberflächlich normales als Freund, Kollege, Kumpel und Fußballkamerad. Aus Scham habe er sich niemandem anvertraut, sondern sich immer wieder Lügengeschichten ausgedacht, um seine hohen Verluste zu kaschieren.

Inzwischen ist der 28-Jährige seit einem Dreivierteljahr „abstinent“, wie er es nennt. Er nimmt er an einer ambulanten Therapie beim Diakonischen Werk in Kassel teil. Das sei eine große Hilfe. „Weil man hier ohne Blatt vorm Mund reden kann und von allen verstanden wird.“

Statt im Online-Casino zocke Christian G. nur noch auf der Playstation. Und erstaunlicherweise fehle ihm der Nervenkitzel gar nicht mehr, sagt er. Er genieße die „innere Ruhe“ ohne den Druck, Geld auftreiben und die Sucht verheimlichen zu müsse. In ein paar Monaten wird er schuldenfrei sein. Das gute Leben, das er all die Jahre hätte führen können, will er jetzt endlich nutzen.

Mehr Süchtige suchen Hilfe

Immer mehr Menschen auch in Kassel und Umgebung verfallen offenbar der Glücksspielsucht speziell im Netz, beobachten die Fachberater des Diakonischen Werks Region Kassel. So haben in diesem Jahr bereits 44 Menschen aufgrund von exzessivem Online-Glücksspiel die Suchtberatung aufgesucht. Das sind bereits mehr als im gesamten vergangenen Jahr (39).

Der Anteil der Online-Glücksspieler liegt demnach in diesem Jahr bereits bei einem Drittel. Insgesamt haben bis dato 127 Menschen die Suchtberatung in Anspruch genommen. Im gesamten vergangenen Jahr waren es 197. Nur ein Bruchteil der Betroffenen holt sich Hilfe: Schätzungen zufolge sind in Stadt und Landkreis Kassel mehr als 2000 Menschen abhängig vom Glücksspiel.

Einen Grund für den weiteren deutlichen Anstieg in diesem Jahr sehen die Experten in der Coronakrise. Diese habe insgesamt zu einer Zunahme der Online-Aktivitäten geführt. Weil die Spielhallen vorübergehend geschlossen waren, seien Süchtige mitunter zu Anbietern ins Internet ausgewichen. Hinzu komme, dass die Online-Anbieter derzeit im Netz und auf anderen Kanälen massiv um Kunden werben.

Sucht-Selbsttest

Es gibt keine Faustregel, ab welcher Häufigkeit oder welchen eingesetzten Summen eine Glücksspielsucht vorliegt. Gefahr besteht, wenn Spieler nicht mehr in der Lage sind, sich selbst Grenzen zu setzen und diese einzuhalten. Testen Sie Ihr Spielverhalten auf eine Suchtgefährdung:

Haben Sie schon versucht, weniger zu spielen, es aber nicht geschafft?

Haben Sie beim Spielen schon mehr Geld eingesetzt, als Sie sich eigentlich leisten konnten?

Werden Sie unruhig oder gereizt, wenn Sie nicht spielen?

Hat Ihr Umfeld Sie bereits wegen Ihres Spielens kritisiert?

Haben Sie jemals versucht, durch erneutes Spielen Geldverluste zurückzugewinnen?

Haben Sie sich bereits Geld geliehen, um spielen zu können?

Haben Sie sich schon einmal wegen des Spielens und der Folgen schuldig gefühlt?

Jede Ja-Antwort ist ein Zeichen für eine mögliche Suchtgefährdung.

Beratung: Zentrum für Sucht- und Sozialtherapie des Diakonischen Werks Region Kassel, Frankfurter Str. 78a, 34121 Kassel, Telefon: 0561 938950, E-Mail: Suchtberatung@dw-region-kassel.de, Telefonische Sprechstunde Montag bis Freitag von 12 bis 14 Uhr.

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