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Süchte nehmen weiter zu: Zahl der Behandlungen in Nordhessen höher als im Süden

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Von: Anna Weyh

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Einfacher Zugang, aber sehr schädlich: Der Alkoholkonsum hat laut Experten durch die Pandemie zugenommen.
Einfacher Zugang, aber sehr schädlich: Der Alkoholkonsum hat laut Experten durch die Pandemie zugenommen. © imago/xphotothek/xThomasxTrutschelx

Alkohol- und Drogenkonsum führt in Nordhessen zu mehr ärztlichen Behandlungen als im Rhein-Main-Gebiet. Insgesamt steige die Zahl der Betroffenen weiter an, sagen Experten.

Kassel – Alkohol- und Drogenkonsum führt in Nordhessen zu mehr ärztlichen Behandlungen als im Rhein-Main-Gebiet. Das zeigt eine Auswertung der Barmer Krankenkasse. Auch die Stadt Kassel liegt mit 26,3 Betroffenen je 1000 Menschen, die aufgrund von Alkohol- und Drogenmissbrauch ärztlich behandelt werden, deutlich über dem hessischen Durchschnitt von 17 Fällen je 1000. Der Landkreis Kassel liegt mit 16,5 Betroffenen knapp darunter. Die hohe Zahl an Behandlungen bedeute jedoch nicht automatisch, dass es hier mehr Suchtkranke gebe als in anderen Regionen, sagt Prof. Dr. Martin Ohlmeier, Ärztlicher Direktor des Ludwig-Noll-Krankenhauses, das zum Klinikum Kassel gehört.

„Das suchttherapeutische Angebot in Kassel ist sehr gut, sodass sich hierdurch auch relativ viele Betroffene in Behandlung begeben“, sagt der Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie. Suchtkranke versuchen oft, ihren Umgang mit Alkohol oder illegalen Drogen auch wegen der noch immer bestehenden gesellschaftlichen Stigmatisierung zu verbergen.

Nicht selten kommen Betroffene deshalb zunächst wegen körperlicher Folgen der Suchterkrankung ins Krankenhaus, die zum Beispiel Auslöser für internistische oder auch neurologische Erkrankungen sein kann, so Ohlmeier. Er biete Patienten mit einer Suchterkrankung als Nebendiagnose dann auch eine ergänzende suchtmedizinische Behandlung an, sagt der Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Klinikums Kassel.

Martin Ohlmeier Ludwig-Noll-Krankenhaus
Martin Ohlmeier Ludwig-Noll-Krankenhaus © Bernd Schoelzchen

Psychiatrische Kliniken, ambulante Angebote wie Suchtberatungsstellen und Selbsthilfegruppen sowie niedergelassene Ärzte arbeiten dafür eng zusammen.

Die Anzahl von Suchtbetroffenen sei generell hoch, und sie nehme weiter zu, sagt Ohlmeier. „Wenn Menschen mit einer Situation nicht umgehen können, greifen sie auf Alkohol oder Drogen zurück. Das hilft, Angst und Stress zu bewältigen“, sagt Kerstin Dahlke von der Fachambulanz Sucht der Diakonie Kassel. Gesellschaftliche Krisen wie die Corona-Pandemie oder der Ukraine-Krieg mit der Energiekrise als Folge verstärken den Konsum noch, sagt sie. „Wir müssen mit Betroffenen nicht nur daran arbeiten, die Suchtmittel wegzulassen, sondern auch die Ursache dafür beseitigen.“ Häufig gehe die Sucht mit anderen Erkrankungen wie einer Depression oder Angststörung einher.

Pandemie und Krieg verstärken Suchtverhalten

Einer Suchterkrankung liegt oftmals eine Depression, eine Angst- oder eine Persönlichkeitsstörung zugrunde. „Man spricht von komorbiden Erkrankungen“, sagt Prof. Martin Ohlmeier, Ärztlicher Direktor des Ludwig-Noll-Krankenhauses. Kerstin Dahlke von der Fachambulanz Sucht der Diakonie Kassel bezeichnet das als „Selbstheilungsversuch“.

Ein Mensch, der zum Beispiel unter einer Depression mit Grübelneigung und Schlafstörungen leide, stelle fest, dass er nach dem Konsum von Bier oder Wein besser einschlafen könne. Dadurch trinke er immer öfter Alkohol. Das eigentliche Problem werde so aber nur vermeintlich gelöst, und eine Suchterkrankung entstehe.

„Alkohol wird als sehr unproblematisch in unserer Gesellschaft angesehen. Er ist ständig verfügbar, dabei schadet er massiv“, sagt Kerstin Dahlke. Deutschland galt schon vor der Pandemie als Hochkonsumland (siehe Hintergrund). „Durch Krisen wie die Pandemie und den Ukraine-Krieg nimmt der Konsum aber noch einmal zu“, sagt sie. Dahlke beobachtet auch in der Suchtberatung, dass die meisten Menschen wegen einer Alkoholabhängigkeit auf sie zukommen.

Kerstin Dahlke Fachambulanz Sucht
Kerstin Dahlke Fachambulanz Sucht © Weyh, Anna-Laura

Missbräuchlicher Konsum von illegalen Drogen oder Medikamenten begegnen ihr seltener. „Ob das aber das tatsächliche Abbild der Gesellschaft ist oder nur das Abbild derer, die zur Suchtberatung kommen, kann ich nicht sicher sagen“, so Dahlke. Zur Fachambulanz Sucht des Diakonischen Werks kommen seit etwa drei Jahren allerdings spürbar weniger Klienten, um sich beraten zu lassen. „Durch die Corona-Lockdowns sind soziale Strukturen weggebrochen. Suchtkranke wurden nicht so schnell auffällig, weil sie viel Zeit zuhause verbrachten“, sagt die Fachgebietsleiterin.

Auch Prof. Martin Ohlmeier sagt: „Die sozialen Auswirkungen, die durch die Corona-Pandemie entstanden sind, sind erheblich. Das soziale Gefüge ist durcheinandergeraten.“ Der Konsum von legalen und illegalen Suchtmitteln sei dadurch spürbar gestiegen. Auch der Medienkonsum und damit auch die Mediensucht hätten während der Corona-Pandemie deutlich zugenommen.

„Auch hier ist der Zugang rund um die Uhr möglich. Wir sehen vermehrt Fälle von der Sucht nach Online-Shopping, Sozialen Medien und Pornografie“, sagt Dahlke.

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