Weinbergkrug als Stream ist wie eine moderne Kaminfeuer-DVD

Kasseler Kultkneipe streamt jetzt im Netz

Barkeeper Stephan Röttig in der Kneipe Weinbergkrug in Kassel.
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Sendet vier Abende in der Woche aus dem Weinbergkrug: Barkeeper Stephan Röttig in der kleinen Kneipe am Weinberg, in der nun eine Kamera aufgestellt ist.

Wegen eines Wasserschadens hatte der Kasseler Weinbergkrug ein Jahr lang zu, wenig später kam Corona. Nun gibt es einen ungewöhnlichen Stream aus der Kultkneipe.

Am Dienstagabend hat David Hasselhoff im Kasseler Weinbergkrug mit seinem Auto geredet. Der US-Schauspieler wurde nicht nur berühmt, weil er mit seinem Hit „Looking For Freedom“ die Berliner Mauer zu Fall brachte, sondern weil er Anfang der Achtziger in der TV-Serie „Knight Rider“ mit seinem sprechenden Auto K.I.T.T. für Gerechtigkeit kämpfte. Nun hat Stephan Röttig eine Folge im Weinbergkrug nachgesprochen.

Der Barkeeper hatte seinen ehemaligen Kollegen Aaron Bielejewski eingeladen. Sein Gast spielte Hasselhoff alias Michael Knight und Röttig das sprechende Auto. Gesehen haben das ungewöhnliche Schauspiel mehr Menschen, als sonst Gäste in der kleinen Kneipe sind. Die „Knight Rider“-Hommage wurde ins Netz übertragen.

Mitte November erfand Röttig den Krugsimulator. An vier Abenden in der Woche, dienstags bis freitags von 20 Uhr bis Mitternacht, überträgt der 33-Jährige über Youtube einen Stream aus der Kneipe. Die Zuschauer sehen nicht nur TV-Theaterstücke wie am Dienstag, sondern „es kann auch mal eine Stunde nichts passieren“, wie Röttig sagt. Es läuft dann nur Musik im Hintergrund.

Für seinen Erfinder ist der Krugsimulator so etwas wie eine moderne Kaminfeuer-DVD: „Man lässt es nebenbei laufen.“ Der Stream soll weniger unterhalten, sondern die Atmosphäre der Gaststätte nach Hause bringen, die gern als Kultkneipe bezeichnet wird.

Schon vor Corona hatte es Betreiberin Franziska Fröhlich nicht leicht. Wegen eines Wasserschadens hatte der Szene-Treffpunkt in der Südstadt ein Jahr lang zu. Nach ein paar Monaten kam der erste Shutdown. Nun musste die Chefin mit ihren vier Mitarbeitern wieder zumachen.

Also dachte sich Röttig: „Alle sind allein zuhause, und wir haben Zeit.“ Manchmal lädt er sich für den Krugsimulator einen Gast ein. Einmal plauderte er mit Michael Linke vom Jazz-Trio Joern and the Michaels über das neue Album. Im Hintergrund liefen die Songs. Wegen der Gema-Gebühren kann der Stream nur live und nicht zeitversetzt abgerufen werden.

Am Dienstag ging es wie in typischen Kneipengesprächen um Gott und die Welt. Mal empfahl Bielejewski die Metal-Band White Zombie, mal ahmte Röttig mit verschränkten Armen die typische Sitzposition der AfD-Politikerin Alice Weidel nach. Bis zu 80 Abrufe werden pro Folge gezählt. Wenn die Kneipe voll ist, sind nur halb so viel Menschen da.

Im Dezember wird es den Krugsimulator wohl nicht mehr vier Abende in der Woche geben, denn auf Dauer ist auch ein virtueller Weinbergkrug anstrengend.

Prominentester Besucher im echten Weinbergkrug war übrigens der ehemalige documenta-Leiter Adam Szymczyk, der hier im Kunstsommer 2017 regelmäßig polnische Arbeiterlieder gesungen haben soll. Falls er nach Corona noch einmal Kassel besuchen sollte, könnte er vielleicht auch wieder in den Weinbergkrug gehen. Denn den, prophezeit Röttig, „wird es wohl immer geben“.

Von Matthias Lohr

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