Neubaupläne für Areal des Versorgungsamtes

Investor des Wohnbauprojektes an der Frankfurter Straße: „Wir kündigen niemandem“

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Sollen abgerissen werden: Links eines der Wohnhäuser an der Rembrandtstraße und rechts die Rückseite des ehemaligen Versorgungsamtes.

Als im Mai bekannt wurde, dass die Nassauische Heimstätte/ Wohnstadt für einen Neubau an der Frankfurter Straße drei Mietshäuser abreißen will, war die Empörung groß.

Auch das ehemalige Versorgungsamt soll weichen. Wir sprachen mit dem Leiter des Kasseler Regionalcenters Jürgen Bluhm und dem verantwortlichen Projektentwickler Reimund Kaleve über das Bauvorhaben und die Reaktion der betroffenen Mieter. 

War es im Nachhinein glücklich, dass die betroffenen Mieter an der Rembrandtstraße in einem kurzen Brief über die Abrisspläne informiert wurden?

Jürgen Bluhm: Der Start war nicht ideal, wir hätten unsere Mieter früher informieren und Gespräche in Ruhe beginnen sollen. Das die Menschen damit gleich zu Beginn verunsichert wurden, sehen wir und dafür haben wir auch unser Verständnis in der Ortsbeiratssitzung gezeigt.

Wie läuft der Kontakt mit den Mietern inzwischen?

Reimund Kaleve: Jetzt werden die Gesprächsangebote gut angenommen. Wir haben gelernt, wie groß die Sorgen gerade der älteren Menschen vor der geplanten Veränderung und insbesondere vor dem Verlust der vorhandenen Gemeinschaft sind. Wir haben noch zweieinhalb Jahre Zeit, deshalb sind wir zuversichtlich, gemeinsam gute Lösungen zu finden.

Warum ist der Abriss der erst vor wenigen Jahren sanierten Mietshäuser überhaupt nötig? Immerhin wohnen die Menschen dort zum Teil seit 50 Jahren und mehr.

Kaleve: Wir haben das leer stehende Versorgungsamt in einem Bieterverfahren vom Landesbetrieb Bau und Immobilien (LBIH) erworben. Wir haben mit 18,3 Millionen Euro das Verfahren knapp für uns entschieden. Der Preis ist hoch, aber durchaus gerechtfertigt. Zumal wir für uns die Chance gesehen haben, unser benachbartes Grundstück an der Rembrandtstraße mit zu nutzen. Sicherlich haben wir in die Gebäude weiter investiert, wir wussten ja damals nicht, was mit dem ehemaligen Versorgungsamt passiert.

Das heißt, ohne das Grundstück an der Rembrandstraße wäre das Projekt nicht denkbar?

Kaleve: Für uns ist die Entwicklung nur wirtschaftlich, wenn wir die drei Mietshäuser abreißen und das gesamte Areal entwickeln. Immerhin geht es dort um 335 Mietwohnungen mit einem Investitionsvolumen von 106 Millionen Euro. Würden wir nur auf dem Gelände des Versorgungsamtes bauen, wäre es aufgrund der hohen Grundstückskosten nicht möglich, Wohnungen mit bezahlbaren Mieten zu realisieren.

Aber sind Sie da nicht ein hohes Risiko eingegangen. Immerhin dürfen bewohnte Mietshäuser nur unter strengen Auflagen gegen den Willen der Bewohner abgerissen werden?

Kaleve: Wir haben dabei auf unsere Erfahrungen gesetzt. Wir haben zuletzt auch in anderen Innenstädten bewohnte Häuser für Neubauprojekte abgerissen und uns jeweils im Vorfeld mit den Mietern geeinigt. Wir haben in Kassel auch nicht vor, den Mietern zu kündigen, sondern wollen individuelle Aufhebungsvereinbarungen treffen.

Was wird den betroffenen Mietern angeboten?

Bluhm: Wir bieten Ersatzwohnungen im Quartier und in anderen Stadtteilen an. In Frage kommen auch unsere Neubauprojekte am Fasanenhof und im Martini-Quartier. Beim Wechsel in andere Bestandswohnungen sagen wir das Beibehalten der aktuellen Miete pro Quadratmeter zu. Zudem übernehmen wir Umzugskosten und gleichen weitere Nachteile finanziell aus. Dies ist etwa dann der Fall, wenn Mieter jüngst eine Küchenzeile eingebaut oder tapeziert haben. Sobald unser Neubauprojekt fertig ist, haben die betroffenen Mieter ein Vorzugsrecht beim Einzug.

Wie weit sind Ihre Verhandlungen?

Bluhm: Von den 36 Wohnungen sind wir uns mit vier Parteien bereits einig geworden. Zudem stehen vier weitere Wohnungen ohnehin leer, weil wir sie mit Blick auf unsere Pläne nach Kündigungen nicht neu vermietet haben. Wir sind aktuell mit drei weiteren Mietern im Gespräch und auch bei einer von der Stadt angemieteten Wohnung werden wir eine Veränderung erreichen. Somit wurde für ein Drittel der Wohnungen bereits innerhalb von drei Monaten eine Lösung gefunden. Kaleve: Die Gespräche werden wohl nicht einfacher. Aber wir haben dafür noch zweieinhalb Jahre Zeit. Mitte August findet eine Mieterversammlung statt.

Was machen Sie, wenn Sie sich mit einem der Mieter nicht einigen?

Kaleve: Im schlechtesten Fall kann es natürlich an einer Person scheitern. Aber wir setzen auf unsere Kommunikation und gute Angebote. Einige freuen sich auf den Umzug in eine für sie bessere Wohnung aus unserem Bestand. Letztlich ist es für Mieter auch keine schöne Aussicht, wenn sie irgendwann alleine in den Häusern leben.

Wie sieht der Zeitplan für das Neubauprojekt aus?

Kaleve: Der Abriss ist für 2022 geplant. Eventuell wird das Versorgungsamt schon früher abgerissen. Wir haben in dem leer stehenden Gebäude viele Probleme mit Einbruch, Diebstahl und Vandalismus. Wir wollen nicht, dass irgendwann jemand Feuer legt. Im Jahr 2024 sollen dann die ersten Mieter einziehen. 2025 soll alles fertig sein.

Wie wird das Gebäude aussehen?

Bluhm: Das ist noch nicht klar. Vermutlich im September wird es einen öffentlichen Zielfindungsworkshop geben, bei dem Anwohner und Interessensgruppen ihre Wünsche formulieren können. Voraussichtlich Anfang 2020 wird auf Basis der gesammelten Ideen und Anregungen ein Architektenwettbewerb starten. Neben barrierefreiem Wohnraum wird das Projekt weitere Funktionen haben: Der Parkplatz an der Frankfurter Straße/ Ecke Heinrich-Heine-Straße wird zu einem Quartiersplatz. Zudem zeigt ein benachbarter Supermarkt Interesse an Erdgeschossflächen des Neubaus. Auch soll ein Bürgertreff im Gebäude beheimatet werden.

Was passiert mit den vielen Bäumen auf den Grundstücken?

Kaleve: Unser Ziel ist, möglichst viele Bäume zu erhalten und mehr neue Bäume zu pflanzen, um das Quartier grüner zu machen. Klar ist aber, dass die Bäume an der Frankfurter Straße zum Teil nicht gehalten werden können. Die Blockrandbebauung bis unmittelbar an den Gehweg war Vorgabe beim Kauf des Grundstücks und sonst könnte ein Drittel des Grundstücks nicht bebaut werden. Zudem stehen die Bäume in einem riesigen Hochbeet, das von der Straße wie eine Barriere wirkt. Ob wir die Bäume umpflanzen können, ist noch unklar. Dies wird ein Baumgutachter ermitteln.

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