Mieterbund kritisiert Nassauische Heimstätte/ Wohnstadt

Drei Häuser sollen weg: 70 Mieter müssen Neubau in Kasseler Südstadt weichen

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Sie wollen für ihr Zuhause kämpfen: Einige Mieter der Mehrfamilienhäuser an der Rembrandtstraße, die für den geplanten Neubau abgerissen werden sollen.

Schock für Mieter in der Kasseler Südstadt: In einem Anschreiben teilte ihnen die Wohnungsbaugesellschaft Wohnstadt mit, dass ihre drei Mehrfamilienhäuser abgerissen werden.

Die etwa 70 Bewohner der Häuser in der Rembrandtstraße nahe der Frankfurter Straße sollen für das geplante Neubauprojekt auf dem Areal des ehemaligen Versorgungsamtes an der Frankfurter Straße weichen. Dort sollen 335 Mietwohnungen entstehen.

Wie die HNA berichtete, will die Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte/Wohnstadt, die mehrheitlich dem Land gehört, das Areal zwischen Frankfurter Straße und Rembrandtstraße neu bebauen. Für den 106 Millionen teuren Neubau soll aber nicht nur das alte Amtsgebäude abgerissen werden, sondern auch die erst 2006 sanierten Wohnhäuser auf dessen Rückseite. Es handelt sich um drei Mehrfamilienhäuser mit insgesamt 36 Wohnungen. Die Mieten sind dort mit sechs Euro pro Quadratmeter relativ günstig.

Für das Neubauvorhaben soll den Mietern noch dieses Jahr gekündigt werden. 2020 sollen sie ausziehen. Viele Bewohner sind im Rentenalter und leben dort bereits 30, 40 Jahre und in einem Fall sogar 58 Jahre lang. „Wir wissen nicht, wo wir dann hinsollen. Die Wohnstadt kann uns bislang keine Alternative anbieten. Wir sollten wie Neumieter einen Interessentenbogen ausfüllen. Eine Entschädigung oder die Übernahme der Umzugskosten hat man uns nicht angeboten“, erzählt eine Mieterin. Was die Mieter besonders fassungslos macht, ist die Tatsache, dass die Gebäude in Schuss sind und erst jüngst die Außenanlagen erneuert wurden.

Die Naussauische Heimstätte/ Wohnstadt wollte sich auf HNA-Anfrage nicht näher zu ihren Plänen und den Umgang mit den Mietern äußern. Zunächst solle nächsten Dienstag der Ortsbeirat Südstadt informiert werden.

Der Mieterbund Nordhessen rechnet den Mietern gute Chancen aus, sich erfolgreich gegen die Kündigung zu wehren. Eine sogenannte Verwertungskündigung sei nur unter strengen Auflagen juristisch durchsetzbar, so Maximilian Malirsch, Geschäftsführer des Mieterbundes. Der Bauherr müsse nachweisen, dass ihm andernfalls ein erheblicher Nachteil entstehe.

Soll abgerissen werden: Das ehemalige Versorgungsamt an der Frankfurter Straße soll für Neubauten weichen.

"Wir wollen hierbleiben": So reagieren die Mieter

Die 79-jährige Erika Cramer ist auf einen Rollator angewiesen, aber durchaus noch kampfeslustig: „Wir wollen hier wohnen bleiben. Wir fühlen uns wohl“, sagt die Frau, die seit 58 Jahren an der Rembrandtstraße wohnt. Am 1. August 1961 war sie als Jugendliche mit ihrer Familie eingezogen. Dass die Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte/Wohnstadt ihre Heimat nun für einen Neubau abreißen will, findet die Rentnerin eine Frechheit.

Darin ist sie sich mit den anderen Mietern einig. Alle waren von der jüngsten Ankündigung ihres Vermieters überrascht worden. Wobei sich schon einige Bewohner gewundert hatten, warum einige der seit vergangenem Jahr leer stehenden Wohnungen nicht mehr vermietet wurden. Nun ist es den 60 bis 70 Mietern klar.

Nachvollziehen können sie das Vorgehen der Wohnungsbaugesellschaft aber nicht – viele haben schlaflose Nächte hinter sich. „Hier wird günstiger Wohnraum vernichtet“, sagt Mieterin Heike Almeroth. Zwar habe die Nassauische Heimstätte/Wohnstadt angekündigt, in dem Neubau 25 Prozent Sozialwohnungen zu schaffen, aber davon hätten die aktuellen Mieter nichts. Denn bis zur Fertigstellung des Gebäudes werde es noch Jahre dauern.

„Viele der Mieter sind im Rentenalter und auf sich allein gestellt. Wie sollen die einen Umzug bewerkstelligen“, wirft ein Mieter ein. Zudem sei es auf dem angespannten Kasseler Wohnungsmarkt schwer, eine bezahlbare Wohnung zu finden. „Einen Kredit für einen Immobilienkauf bekommen wir in unserem Alter auch nicht mehr“, sagt der Mieter. Vor allem weil es sich bei ihrem Vermieter um ein Wohnungsbauunternehmen in öffentlicher Hand handelt, sind die Mieter enttäuscht.

Maximilian Malirsch, Geschäftsführer des Mieterbundes Nordhessen, versteht nicht, warum die Wohnungsbaugesellschaft den Abriss der Mietshäuser überhaupt plant. Durch den Abriss des leer stehenden Versorgungsamtes entstehe bereits eine große Freifläche an der Frankfurter Straße. „Auf dieser hätte man einen kleineren Entwurf realisieren können. Eine Sozialquote für den Neubau verkünden und gleichzeitig 36 günstige Wohnungen abzureißen, das ist absurd“, sagt Malirsch.

Der Entwurf der Nassauischen Heimstätte/Wohnstadt sieht eine geschlossene Blockrandbebauung mit 335 Wohnungen und Ladenflächen im Erdgeschoss vor. In dem Anschreiben an die betroffenen Mieter verweist sie darauf, dass dies ein Wunsch der Stadt sei. Insofern bedürfe es des Abrisses.

Malirsch vom Mieterbund vermutet, dass die älteren Mieter einen Rechtsstreit scheuen könnten. Dabei werde es für die Wohnungsbaugesellschaft nicht einfach, eine juristisch wasserdichte Begründung für den Abriss zu liefern (siehe Hintergrund).

Bei der öffentlichen Sitzung des Ortsbeirates Südstadt am kommenden Dienstag, 7. Mai, um 19 Uhr im Diakonischen Werk, Frankfurter Straße 78a, will die Wohnungsbaugesellschaft die Pläne vorstellen. Auch Stadtbaurat Christof Nolda (Grüne) wird anwesend sein.

Das ist die rechtliche Grundlage:

Für eine Kündigung mit dem Ziel, das Grundstück wirtschaftlich zu verwerten, gelten enge gesetzliche Grenzen. So muss die Verwertung angemessen sein und dem Vermieter müssen durch eine Hinderung belegbar erhebliche wirtschaftliche Nachteile entstehen. Die Möglichkeit, durch eine Neuvermietung in einem Neubau höhere Mieten zu erzielen, reicht als Begründung nicht aus.

Hier soll gebaut werden:

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