Kulturzelt-Auftakt mit Nina Attal: Leise ist das neue Laut

Kulturzelt-Auftakt mit Nina Attal.

Kassel. Eine junge Französin mit einer Wahnsinnsstimme, Applaus mit den Füßen und ein Oberbürgermeister, der ausgebuht wird. Alles Wichtige zum Auftakt des Kasseler Kulturzelts.

War es ein würdiger Auftakt mit Nina Attal? 

Auf jeden Fall. Wobei es dann doch nicht das beste Konzert aller Zeiten wurde, wie man am Eingang noch hätte denken können. Dort stempelten die Kulturzelt-Mitarbeiter den Besuchern folgenden Satz auf die Handflächen: “Time to drink champagne and dance on the table.” Der gut gemeinte Rat konnte aber schon deshalb nicht umgesetzt werden, weil es keine Tische im Zeltbau gab, nicht einmal Stühle. Zum ersten Mal seit den Anfangstagen vor 29 Jahren war ein Eröffnungskonzert nicht bestuhlt. Es sollte nicht so steif werden wie manch anderer Auftakt in der Vergangenheit, hatten sich Veranstalter und Sponsor Wintershall gesagt. Eine gute Entscheidung. Die Zuschauer im nicht ganz gefüllten Konzertsaal vermissten weder Stühle noch Champagner.

Und Nina Attal, die Frau des Abends, hatte schon im Vorfeld nach einem gegen ihren Willen bestuhlten Konzert in Mainz gesagt: “Ich hasse Stühle. Zu meiner Musik muss man einfach tanzen.” Die französische Musikerin lieferte mit ihrer s ​echs​köpfigen Band und einer coolen Show jede Menge Gründe zu tanzen. Nach einem verhaltenen Beginn kam das Publikum tatsächlich in Fahrt und spendete am Ende sogar mit den Füßen trampelnd Applaus.

Nina Attal gilt in ihrer Heimat als kommender Superstar. Wer ist die Frau überhaupt? 

Sie ist erst 23, hat aber schon mehr als 300 Live-Konzerte gespielt. Mit der Energie, die die Pariserin auf der Bühne ausstrahlt, könnte man womöglich ganz Kassel ein halbes Jahr lang mit Strom versorgen. Attal verbindet Funk, Blues und Jazz mit poppigen Melodien. Ihr Sound klingt mal nach Motown Soul, mal extrem funky. Ihre Stimme ist der Hammer, und Gitarrespielen kann sie auch noch. Ein Solo spielte sie nicht auf der Bühne, sondern während eines Spaziergangs durchs Publikum. Es störten ja keine Stuhlreihen.

Auftakt beim Kulturzelt Kassel mit Nina Attal

Was war der beste Moment des Abends? 

Für den neuen Wintershall-Chef Mario Mehren wird es gleich mehrere gegeben haben. Er hatte in seiner Eröffnungsrede gesagt, er möge Musik nur, wenn sie laut ist. Und Attal ließ es mit ihrer Band oft richtig krachen. Trotzdem war der eindrucksvollste Moment, der, als es ganz leise wurde. Da stand Attal nur mit ihrer Gitarre auf der Bühne und coverte Anthony Hamiltons Nummer “Freedom” aus Quentin Tarantinos Western “Django Unchained”. Dabei sang sie mehrere Zeilen sogar ohne Mikro, und es war mucksmäuschenstill im Rund. Manchmal ist leise besser als laut.

Was ist neu diese Saison? 

Auf den ersten Blick nicht viel. Der Konzertbau bietet weiterhin eine perfekte Akustik. Nur in der Unterneustadt wird man davon (fast) nichts mehr hören. In den Vorjahren hatten sich Anwohner auf der anderen Seite der Fulda über den Lärm beschwert. Deswegen haben Techniker in den vergangenen Monaten alles dicht gemacht. Oberbürgermeister Bertram Hilgen (SPD) stellte in seiner Rede fest: “Draußen hört man nun praktisch nichts mehr.” Dafür gab es einige Buhrufe. Denn den Charme des Kulturzelts hat ja auch immer ausgemacht, dass man draußen mitbekam, was drinnen passierte.

Organisatorin Angelika Umbach kommentierte die Lärmdebatte auf ihre Weise. Sie ließ vor Konzertbeginn “Meine Stadt ist zu laut” von der Chemnitzer Band Kraftklub spielen. In dem Stück singt Felix Brummer: “Ob ihr mir das glaubt oder nicht, ihr seid jung, war ich auch. Ich hab selber Mist gebaut, aber ich war nicht so laut. Braucht man denn zum Jung sein unbedingt verdammten Krach?” Der Song soll diese Saison öfter laufen. Vielleicht hören ihn auch die, die sich einerseits immer Spektakel wünschen, sich andererseits aber belästigt fühlen, wenn irgendwo ein Schlagzeug zu hören ist.

Wie geht es in den nächsten Tagen weiter? 

Für das heiß nachgefragte Konzert von Kurt Elling mit Till Brönner (Samstag) gibt es noch einige Karten an der Abendkasse. Aber auch wer kein Ticket mehr bekommt, sollte in den lauschigen Biergarten an der Drahtbrücke kommen. Denn wenn man günstig sitzt, kann man draußen immer noch hören, wenn drinnen jemand wie Nina Attal aufdreht.

Das geplante Konzert der Kölner Newcomer AnnenMayKantereit am Sonntagabend muss verschoben werden. Das teilte das Kulturzelt am Samstagmittag auf seiner Facebookseite mit. „AnnenMayKantereit hat es leider erwischt und sie können krankheitsbedingt am Sonntag nicht im Kulturzelt Kassel auftreten“, schreiben die Organisatoren. Ein Ersatztermin ist bereits gefunden: Das Konzert wird am Montag, 24. August, nachgeholt. Alle Tickets behalten laut Veranstalter ihre Gültigkeit. Es bestehe auch die Möglichkeit, sie an den Vorverkaufsstellen zurückzugeben, in denen sie gekauft wurden.

Auftakt beim Kulturzelt Kassel mit Nina Attal

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