Wohnungen verwüstet

Nach Feuer in Südstadt: Wir sprachen mit Mietern und dem Verursacher des Brandes

Sie räumen ihre Wohnung aus: Karina Chernenko und ihr Freund Kolja Bohle können wegen des Brandgeruchs dabei nur mit Mundschutz vorgehen. Die 26-Jährige ist glücklich, dass bei dem Feuerwehreinsatz die weiße Vase heil geblieben ist. Fotos:  Schachtschneider (3)

Kassel. Durch ein Feuer am Dienstag, 7. Dezember, wurden zwei Wohnungen in der Heinrich-Heine-Straße 17 unbewohnbar. Eine Mieterin berichtet, wie dankbar sie der Feuerwehr für deren hervorragende Arbeit bei dem Löscheinsatz ist. Außerdem sprachen wir mit dem Verursacher, der ebenfalls Mieter dort ist.

Karina Chernenko und ihr Freund Kolja Bohle haben vergangene Woche ihr Zuhause verloren. Es war die erste gemeinsame Wohnung der beiden. Das Paar hat darin rund zweieinhalb Jahre gelebt. „Wir haben so viel Zeit und Geld, aber vor allem auch Liebe in die Wohnung gesteckt“, sagt die 26-jährige freiberufliche Kunsthistorikerin. Aber natürlich ist sie sehr froh, dass sie selbst unbeschadet die Wohnung im ersten Stock verlassen konnte, nachdem gegen 23.30 Uhr das Feuer im Erdgeschoss ausgebrochen war.

Die 26-Jährige hatte bereits im Bett gelegen, ihr Freund war bei der Nachtschicht. Da sie kein Rollo am Fenster hat, dachte sie zunächst, draußen bilde sich Nebel. Aber dafür habe sich der Dunst viel zu schnell bewegt. Als sie plötzlich Krach von unten hörte, eine Scheibe war zerborsten, und eine Stichflamme vor dem Fenster sah, begriff sie, dass der vermeintliche Nebel Rauch war. „Ich bin aufgesprungen, habe eine Hose angezogen und bin nur raus.“

Nachdem sie es durch das völlig verrauchte Treppenhaus nach draußen geschafft hatte und sah, wie die Flammen ihren Weg nach oben suchten, habe sie komischerweise an eine weiße Vase von ihrer Oma gedacht. Die stand auf dem Fensterbrett im Schlafzimmer. „Seltsam, was einem in den Sinn kommt, wenn man sein Zuhause schwinden sieht.“

Sofort sicher gefühlt

Dann kam die Feuerwehr und begann mit den Löscharbeiten. „Trotz des Schreckens fühlte ich mich sofort sicher“, sagt Karina Chernenko. Das habe weniger an dem Wasser, den Schläuchen und den schweren Maschinen gelegen, sondern vielmehr an den tröstenden Blicken der vertrauenswürdigen Feuerwehrleute und Polizisten. „Das hat mir Zuversicht gegeben.“

Die 26-Jährige beobachtete auch, wie sich jemand von der Feuerwehr Zutritt zu ihrer Wohnung verschaffte und durch den Rauch auf das Fenster des Schlafzimmers zuging. „Vor meinem inneren Auge sah ich die weiße Vase fallen und brechen.“

Nachdem das Feuer gelöscht war, durfte die junge Frau für einige Minuten in ihre völlig verrußte und nach Rauch stinkende Wohnung, um das Nötigste zu holen. Überall war Asche. Der Rauch und die Erkenntnis, dass ihre Wohnung nicht mehr bewohnbar ist, hätten ihr die Tränen in die Augen getrieben. Der Feuerwehrmann, der sie begleitete, habe sie aber damit getröstet, dass alle doch in Sicherheit seien und es doch nur um zerstörte Dinge gehe.

Plötzlich sei ihr Blick auf das Bett gefallen. Im Halbdunkel sah sie dort – völlig unversehrt – die Vase ihrer Oma liegen. Der Feuerwehrmann, den sie Stunden zuvor von unten in ihrem Schlafzimmer gesehen hatte, hatte trotz der Eile und des Feuers die Vase nicht einfach vom Brett gewischt. „Diese achtsame Geste trieb mir erneut die Tränen in die Augen.“

Auf Wohnungssuche

Die Wohnung des jungen Paars muss völlig ausgeräumt und renoviert werden. Der Ruß ist überall hingezogen, auch in die Fußböden, sagt Karina Chernenko. Ihr Freund und sie kommen vorerst bei ihren Eltern unter. Zwischenzeitlich wollen sie sich eine neue Wohnung suchen. Wenn sie die gefunden haben, wird dort auch die weiße Vase der Oma wieder einen guten Platz finden. Sie wird die 26-Jährige sicherlich immer wieder an den behutsamen Einsatz der Feuerwehr erinnern.

Unglücksrabe mit Schutzengel 

Stefan Gans verursachte das Feuer, als er eine Decke über ein Teelicht warf

Stefan Gans hat Verständnis dafür, dass seine Nachbarin Karina Chernenko zunächst auf ihn sauer war. Er ist für das Feuer in dem Altbau an der Heinrich-Heine-Straße 17 vergangene Woche Dienstag verantwortlich. „Erst war ich fassungslos, dann wütend. Mittlerweile bin ich einfach nur froh, dass er überlebt hat“, beschreibt Karina Chernenko ihre Gefühle für ihren Nachbarn, der in der Wohnung unter ihr lebte. Die Wohnung des 44-Jährigen ist bei dem Brand völlig zerstört worden. Die Versicherung wolle prüfen, ob zwei Fahrräder, die er in der Wohnung abgestellt hatte, noch zu gebrauchen seien. 

Der 44-Jährige hat aber Zweifel daran. Er erzählt, dass er in der Wohnung auch eine größere Summe Geld aufbewahrt hatte. Auch die sei verbrannt und werde nicht ersetzt. Ihm gehe es richtig schlecht, sagt der Mann, der in einer Nachbarwohnung untergekommen ist. „Ich bin fertig mit der Bereifung und kann nicht mehr schlafen. Eigentlich bin ich ein Sicherheitsmensch“, sagt Gans. An dem Dienstagabend vergangener Woche sei bei ihm die Heizung ausgefallen. 

Um es sich ein wenig gemütlicher zu machen, habe er 15 Teelichter auf einen Untersetzer eines Blumentopfes auf einen Tisch gestellt und angezündet. Dann wollte er sich unter eine Decke legen. Dabei passierte das Unglück. Mit der Decke habe er versehentlich ein Teelicht auf den Boden geworfen. Die Decke und der Teppich hätten sofort Feuer gefangen. Gans bekämpfte die Flammen mit einem Kissen. „Ich bin davon ausgegangen, dass ich alles gelöscht habe“, sagt er.

 Weil es in dem Zimmer aber nach Qualm roch, habe er das Fenster geöffnet. „Das war der große Fehler.“ Der Sauerstoff habe das Feuer angefacht. Plötzlich war da eine Stichflamme, die er nicht mehr habe löschen können. In der Aufregung habe er auch vergessen, dass er einen Feuerlöscher in der Wohnung hatte. Stefan Gans ist durch den Brand die Freude auf Weihnachten vergangen. 

Das Fest gebe es für ihn in diesem Jahr nicht, sagt der 44-Jährige, der das Unglück ein wenig anzuziehen scheint. Auf Silvester ist er nämlich auch nicht gut zu sprechen. Beim Jahreswechsel 2015/16 wäre er fast erstickt, erzählt Gans. Er habe mit einem Freund eine Konfettischlacht gemacht und dabei aus Versehen eine Ladung der bunten Papierschnipsel in den Mund bekommen. Allerdings scheint der 44-Jährige nicht nur Pech, sondern auch einen guten Schutzengel zu haben. (use)

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