1927 fand man Unterkieferknochen in der Südstadt

Neue Untersuchung: Mammut vom Philosophenweg lebte vor 50.000 Jahren

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Mammut aus Kassel, Philosophenweg, 1927, Mammutunterkiefer

Kassel. Eine baumlose Steppe: So sah es im Kasseler Becken während der Eiszeiten aus. Damals lebten Wollnashörner, Wildpferde und Mammuts auf dem heutigen Stadtgebiet.

Belegt ist dies durch Knochenfunde. Eine spektakuläre Entdeckung machte im Jahr 1927 der Kasseler Lehrer Christian Eckhardt.

Er fand am Kasseler Philosophenweg den Unterkiefer eines Baby-Wollhaarmammuts. Fast 90 Jahre später wurde dieser Kiefer nun auf sein Alter hin untersucht.

Der Fund wurde durch Zufall an die Erdoberfläche befördert: 1927 war das Tiefbauamt dabei, die Drusel unterirdisch durch Rohre zu führen. In bis zu sechs Metern Tiefe stießen die Arbeiter auf prähistorische Scherben, Schalenteile und Knochen von eiszeitlichen Tieren.

Eckhardt war Lehrer in der nahe der Baustelle gelegenen Bürgerschule (heute Friedrich-Wöhler-Schule) und war in die Bergung der Funde involviert. Auf eigene Faust begann er schließlich, selbst weiter zu graben. Dabei fiel ihm ein etwa sechs Kilo schwerer Knochen in die Hände, der später als Mammutunterkiefer identifiziert wurde. Offenbar hatte der Knochen im schlammigen Sediment der Drusel die Zeiten überdauert.

Nach seinem Fund kam der Unterkiefer ins Naturkundemuseum – früher Naturalienmuseum. Dort ist er bis heute ausgestellt. Nähere Informationen finden sich dort zu den Umständen der Entdeckung aber bislang nicht.

Museumsleiter Dr. Kai Füldner hatte nun versucht, mehr über die Herkunft des Unterkiefers herauszufinden. Dazu ließ er ihn vom Klaus-Schira-Labor an den Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim untersuchen. Bei der radiometrischen Alterdatierung kam heraus, dass der Unterkiefer älter als 50.000 Jahre ist. Dies wäre eine Besonderheit, denn die meisten Funde in unseren Breiten stammen aus der jüngsten Eiszeit, die erst vor 11 500 Jahren endete. „Es ist eher selten, dass Knochen so lange überdauern“, sagt Füldner.

Allerdings, so schränkt der Museumsleiter ein, ist die Datierung ungenau. Dies liegt daran, dass der Kollagengehalt in den Zähnen des Mammutkiefers gering ist. Anhand der Zähne wird das Alter bestimmt und bei einem niedrigen Kollagengehalt ist eine Bestimmung mit Unsicherheiten behaftet.

Sicher ist indes, dass es sich um ein Jungtier der Wollhaarmammuts handelt. Diese Tiere wurden etwa so groß wie die heute lebenden Elefanten. Andere Mammutarten konnten deutlich größer werden.

Der Mammutkiefer ist nicht der einzige Fund aus Kassel. So wurden etwa bei Baggerarbeiten für die Regattastrecke in Waldau Mammutbackenzähne geborgen. Knochen von Wollnashörnern sind am Möncheberg und in Wolfsanger gefunden worden.

Neben den eiszeitlichen Tieren lebten seinerzeit auch Neandertaler in Kassel. Menschliche Spuren konnten erst ab der mittleren Altsteinzeit (300 000 bis 36 000 Jahre v. Christus) nachgewiesen werden. Steinwerkzeuge des Neandertalers wurden an fünf Orten im Stadtgebiet entdeckt.

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