In Kassels Südstadt

Geldautomat statt Filiale: Bürger kämpfen um ihre Sparkasse

Nur noch mit Karte: Thomas Herrmann (links), Gita Wikullil und Oliver Koch kämpfen mit der Südstadt-AG um den Erhalt der Sparkasse in der Akademiestraße, die zur SB-Filiale wird. Foto: Grosspietsch

Kassel. Der Plan der Kasseler Sparkasse, im Juni 36 Filialen in Selbstbedienungs-Geschäftsstellen (SB) zu verwandeln, sorgt für Unmut bei den Kunden. Auch in der Südstadt.

Diese 36 Filialen sollen umgewandelt werden.

Die Südstadt-AG will zusammen mit den Bürgern für den Erhalt der Zweigstelle in der Akademiestraße kämpfen.

„Was ist denn mit den alten Leuten, die mit den Automaten nicht zurechtkommen und lieber das Gespräch mit den Angestellten suchen?“, fragt Thomas Herrmann, der einen Friseursalon an der nahegelegenen Frankfurter Straße betreibt.

„Nicht nur für einige Senioren ist der Weg zur Kölnischen Straße sehr weit und mitunter beschwerlich“, wirft Gita Wikullil vom Vorstand der Südstadt-AG während eines Pressegesprächs im Eisenwarenladen Koch ein. „Wenn wir als Gewerbetreibende immer dorthin fahren müssen, ist das schon ein echter Einschnitt, man braucht ja auch mal schnell Wechselgeld.“ Und das soll es in SB-Außenstellen nicht mehr geben, weil keiner der Automaten Geldrollen ausgibt. Aussicht auf Erfolg des Protests gibt’s nur wenig. Die Entscheidung der Sparkassen-Verantwortlichen soll nicht mehr revidiert werden. „Wir haben es uns nicht leicht gemacht, Geschäftsstellen mit Service und Beratung in Selbstbedienungs-Standorte umzuwandeln“, sagt Michael Krath, Pressesprecher der Kasseler Sparkasse. Vorher seien alle Niederlassungen geprüft worden.

Im Falle der Akademiestraße sei herausgekommen, dass „zurzeit nicht einmal die Hälfte unserer Kunden, die im Einzugsbereich der Filiale wohnen, diese auch nutzen“. Rund ein Drittel der Kunden aus dem Quartier gehen laut Krath zu den Standorten in Wehlheiden am Kirchweg und in der Kölnischen Straße. Er weist darauf hin, dass jeder Sparkassen-Kunde eine Karte hätte, mit der er die Automaten nutzen könne und die Möglichkeit bestehe, seine Bankgeschäfte per Telefon zu erledigen. Seiner Meinung nach sei die nächste Sparkasse mit Kundenbetreuung in „wenigen Minuten zu erreichen.“

Für die Kunden in der Südstadt ist das jedoch kein Trost. Sie sammeln jetzt Unterschriften für den Erhalt der 1964 eröffneten Filiale – etwa 800 Bürger haben laut Aussage der Initiatoren schon unterschrieben.

Auch in der jüngsten Ortsbeiratssitzung war das Thema auf der Tagesordnung. Das Gremium sprach sich dafür aus, dass noch mindestens bis Ende 2017 in der Filiale Kunden betreut werden sollen.

Die hat übrigens eine bewegte Vergangenheit: Nicht nur von Bankräubern wurde sie heimgesucht, 1971 stürmten Terroristen der Roten Armee Fraktion (RAF) das Gebäude und erbeuteten mehr als 114 000 Mark (etwa 57 000 Euro). (dog/pjw)

Kasseler Seniorenbeirat kritisiert Geldinstitut

Grimm hält Umstellung auf Selbstbedienung für alte Menschen unzumutbar – Arbeitsgruppe prüft die Maßnahme

Knapp einen Monat vor der Schließung von 36 Sparkassen-Filialen und der Umstellung auf Selbstbedienungs-Geschäftsstellen (SB) hat sich der Kasseler Seniorenbeirat zu Wort gemeldet und das Vorhaben scharf kritisiert. Online-Banking und die Selbstbedienung an den verschiedenen Automaten sei für ältere Menschen unzumutbar, schreibt das Gremium in einer Pressemitteilung. 

Laut einer „allgemeinen Schätzung“ seien von den 50 000 bis 60 000 Einwohnern über 60 Jahre etwa die Hälfte mit Online-Banking vertraut. Der Rest fühle sich auch in SB-Filialen unsicher und wolle durch das Gespräch mit den Angestellten vermeiden, Fehler zu machen. Zudem habe die Sparkasse einen öffentlichen Auftrag, der sie dazu verpflichte, „allen Einwohnern im Geschäftsgebiet kreditwirtschaftliche Leistungen“ anzubieten. „Die Voraussetzung für diese Pflicht haben die Kommunen als Träger der Sparkassen sicherzustellen“, heißt es wörtlich. 

Obwohl die Sparkasse angekündigt hat, die Entscheidungen nicht mehr zu revidieren, hat der Seniorenbeirat nun eine Arbeitsgruppe gegründet, die die Maßnahmen unter die Lupe nehmen soll. Im Austausch mit Fachleuten wird überprüft, ob alle 36 Filialen geschlossen werden müssen und eingeschränkt mobile Menschen die verbleibenden Niederlassungen mit Beratung problemlos erreichen können. Zudem werde verifiziert, ob zeitlich versetzte mobile Filialen und Hausbesuche ohne Risiken möglich seien. Die Ergebnisse sollen dann dem Vorstand und dem Verwaltungsrat der Kasseler Sparkasse vorgelegt werden. (dog)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.