Umsatz zu gering

Aus für die Butterblume: Unverpackt-Laden muss nach nur einem Jahr wieder schließen

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Im September ist Schluss: Inhaberin Helen Neuwirth muss ihren Unverpacktladen an der Frankfurter Straße aufgrund zu geringen Umsatzes schließen. Sie hatte die Butterblume erst im August vergangenen Jahres übernommen.

Kassel. Nach gerade mal einem Jahr ist schon wieder Schluss: Der Unverpacktladen Butterblume an der Frankfurter Straße schließt Mitte September. 

Der Umsatz, sagt Inhaberin Helen Neuwirth (23), habe einfach nicht gereicht, um davon zu leben.

Als die Butterblume im vergangenen August neu eröffnete, war damit der erste Unverpacktladen Nordhessens aus der Taufe gehoben. Per Crowdfunding hatte Neuwirth das Startkapital von 25.000 Euro zusammenbekommen. „Der Start lief ziemlich gut, wir konnten einen Grundstock an Stammkunden des Bioladens, der hier vorher war, halten, und auch einige neue Kunden gewinnen, die sich von unserem Konzept angesprochen fühlten“, sagt Neuwirth.

Mit der Zeit sei der Andrang jedoch abgeebbt. Auch verstärktes Werben in den Sozialen Netzwerken, ein Mittagstisch und das Angebot einer Gemüsekiste halfen nicht. Der Umsatz habe mit durchschnittlich 21.000 Euro im Monat etwa 30 Prozent unter dem gelegen, was nötig gewesen wäre, um den Laden zukunftsfähig zu machen. Im Frühjahr habe Neuwirth den Entschluss gefasst, den Laden zu schließen.

Harald Doenst, Vorsitzender der Südstadt-AG

Die Gründe für das Scheitern ihres idealistischen Projekts sieht Neuwirth in einem immer noch zu geringen Umweltbewusstsein: „Bei vielen ist es noch nicht angekommen, dass es schlimm ist, eine Salatgurke im Winter zu kaufen.“ Aber auch der Standort habe womöglich eine Rolle gespielt. „Die Frankfurter Straße ist für Fußgänger nicht besonders einladend, im Vorderen Westen wäre es vielleicht besser gelaufen.“

Harald Doenst (81), Vorsitzender der Südstadt-AG, bedauert, dass die Butterblume schließen muss. Auch Doenst vermutet, dass bei vielen Konsumenten der Aspekt unverpackt noch eine untergeordnete Rolle spielt. „Und Bio gibt es inzwischen in jedem konventionellen Supermarkt.“

Prof. Dr. Ulrich Hamm, Fachgebietsleiter Agrar- und Lebensmittelmarketing der Uni Kassel

Die „eigentlich geniale Idee“ eines Unverpacktladens spreche zwar dem Verbraucher aus dem Herzen, letztlich würden solche Läden aber häufig an der Bequemlichkeit der Kunden scheitern, sagt Prof. Dr. Ulrich Hamm von der Uni Kassel. Nach Ansicht des Fachgebietsleiters Agrar- und Lebensmittelmarketing verfliege die anfängliche Euphorie der Kunden oftmals schnell, da der Aufwand, immer eigene Behältnisse für den Einkauf mitzubringen, als zu groß empfunden werde.

Das Mitbringen der eigenen Flaschen und Tupperdosen berge auch ein Hygieneproblem, da die Behältnisse sehr gut gesäubert werden müssten, bevor sie erneut mit verderblichen Lebensmitteln befüllt werden könnten. Bei Milch etwa könnten bakterielle Rückstände am Flaschenhals schnell dazu führen, dass sie sauer wird. „Die Schuld wird dann der Zapfstelle gegeben“, sagt Hamm.

Prof. Dr. Stefan Seuring, Fachmann für Lieferketten am Institut für Betriebswirtschaftslehre der Uni Kassel

Auch der Preis spiele eine Rolle. Da sind sich Hamm und Prof. Dr. Stefan Seuring, Fachmann für Lieferketten am Institut für Betriebswirtschaftslehre der Uni Kassel, einig. Käme auf den Bio-Preis zusätzlich noch ein Aufschlag, da Läden wie der von Helen Neuwirth in der Regel kleinere Mengen zu verhältnismäßig höheren Preisen als Discounter bestellen, müsste der Kunde „schon tiefenüberzeugt sein“, sagt Seuring.

Auch spiele für viele Verbraucher das Prinzip des One-Stop-Shoppings eine Rolle, also nur einmal parken zu müssen, um Lebensmittelgeschäft, Drogerie, Bäcker und Metzger erreichen zu können. Das Sortiment in einem Unverpacktladen genüge in den meisten Fällen nicht für einen kompletten Wocheneinkauf. „Wenn Sie dann mit dem Auto für wenige Artikel zum Unverpacktladen fahren, ist die Ökobilanz wieder dahin“, sagt Seuring. „Da kann man auch mit dem Rad zum Supermarkt um die Ecke fahren und die verpackte Ware kaufen.“

Wenn Helen Neuwirth in vier Monaten die Butterblume schließt, will die aus Edingen bei Heidelberg stammende 23-Jährige ihr Architekturstudium in Kassel wieder aufnehmen, das sie für die Selbstständigkeit abgebrochen hatte. Was dann aus der Butterblume wird, steht aktuell noch in den Sternen. Viele Kunden würden sich einen Erhalt, etwa als Mitgliederladen, wünschen. Konkrete Pläne oder Interessenten gibt es derzeit aber nicht.

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