Krause-Vilmar hat kein Verständnis für blinde Zerstörungswut

Historiker über Beschädigungen am Ehrenmal: „Vandalismus ist nur destruktiv“

Hat kein Verständnis für die Zerstörungen am Ehrenmal: Historiker Dietfrid Krause-Vilmar fordert eine inhaltliche Debatte zum Umgang mit dem Bauwerk.
+
Hat kein Verständnis für die Zerstörungen am Ehrenmal: Historiker Dietfrid Krause-Vilmar fordert eine inhaltliche Debatte zum Umgang mit dem Bauwerk.

Mit Farbe besprüht, mit Gips beschmiert und mit Plakaten zugekleistert: Das historische Ehrenmal in der Karlsaue wurde nach seiner 3,3 Millionen Euro teuren Sanierung in den vergangenen Wochen gleich mehrfach beschädigt. Der Kasseler Historiker Dietfrid Krause-Vilmar hat kein Verständnis für den Vandalismus.

Kassel - Mehrfach waren zuletzt unbekannte Aktivisten mit Farbe, Kleber und Gipsmasse am Werk, die in dem Bauwerk eine Huldigung für NS-Verbrecher sehen. Krause-Vilmar, der sich schon lange mit der lokalen Aufarbeitung der NS-Geschichte beschäftigt, sieht darin nur blinde Zerstörungswut.

„Die haben das Ehrenmal nicht verstanden. Es ehrt weder Täter noch glorifiziert es den Krieg. In erster Linie geht es um ein Gedenken der Toten der beiden Weltkriege. Und dagegen ist nichts einzuwenden. Das ist menschlich. Vielleicht sollte man aber über den Begriff Ehrenmal nachdenken“, sagt Krause-Vilmar.

Der richtige Umgang mit dem Denkmal werde schon seit Jahrzehnten kontrovers in der Stadt diskutiert. Sicherlich seien die am Ehrenmal angebrachten Tafeln für die unterschiedlichen Einheiten, die in den Kriegen ihr Leben ließen, politisch überhöht. Die Regimenter und Divisionen würden teilweise zu Helden stilisiert, die für die richtige Sache starben. Tatsächlich ist auf den historischen Tafeln viel von Ruhm und Ehre die Rede (Hintergrund).

War von den Nazis verschüttet worden: die 1922 geschaffene Skulptur „Der Gefallene“ von Hans Sauter.

„Aber damit muss man einen kritischen Umgang finden. Vandalismus ist nur destruktiv“, so der Historiker. Stadt und Land hätten gute Ansätze. So wurden Informationstafeln an den Eingängen zum Ehrenmal aufgestellt. Diese verweisen auf dessen Geschichte und die mehrfachen Umdeutungen. So ist dort nicht nur zu lesen, dass der ehemalige Terrassengarten des Prinz-Georg-Palais 1920 zum Ehrenmal umfunktioniert wurde, sondern auch dass es heute zum Frieden mahnt.

Um dies deutlich zu machen, wurden die Tafeln, die an militärische Einheiten der Wehrmacht erinnern, bei der jüngsten Restaurierung nicht erneuert. Sie werden wegen der nationalsozialistischen Verstrickungen der Wehrmacht bewusst dem Verfall preisgegeben. „So findet keine neue Ehrung statt“, sagt Krause-Vilmar.

Ein Gegengewicht zu diesen Ehrentafeln bilde die von Bildhauer Hans Sauter 1922 entworfene Skulptur „Der Gefallene“ in der Ehrenhalle. Sie war in der Nazi-Zeit zugeschüttet worden, weil sie aus Sicht der NSDAP die gefallenen Helden verunglimpfe. Heute ist diese Skulptur wieder sichtbar. Seit 1985 hängt zudem eine Tafel am Ehrenmal, die an die Deserteure erinnert, die sich vom Nazi-Regime abwandten und deshalb verfolgt und getötet wurden.

„Die Entwicklung zeigt, dass es bereits einen kritischen Umgang mit der Anlage gibt. Wir brauchen inhaltliche Antworten auf die Debatte“, sagt Krause-Vilmar. Die geplanten Führungen des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge über die Anlage könnten einen weiteren Beitrag zur historischen Aufarbeitung leisten. (Bastian Ludwig)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.