Viele haben Kindheitserinnerungen

Kiosk-Geschichte mit Rosi und Herrn Rosi

Rosi Lambachs Kiosk war oft von Kindern belagert. Unser Foto von 1988 zeigt von links Cathrin Rühl, Carina Bussewitz, Sascha Lumpe und Sarah Wittich. Cathrin zahlt mit Steinen, die Rosi im Notfall auch als Zahlungsmittel akzeptierte.

Kassel. Am Kiosk von Rosemarie Lambach (69) gab es auch für ein paar Steine von der Straße etwas Süßes. Daran erinnern sich viele Sandershäuser, die ihre Kindheit zwischen 1975 und 2000 in dem Niestetaler Ortsteil verbrachten.

Bei der „Rosi“, wie sie alle nannten, konnten die Kinder auf Herzlichkeit hoffen, auch wenn sie kein Geld dabeihatten. Heute sind diese Kinder erwachsen und ihre Rosi steht seit 13 Jahren nicht mehr im Kiosk. Umso überraschter war sie, als sie sich am Donnerstag dort stehen sah: auf dem alten Foto der HNA.

Ein aktuelles Foto von Rosi und Karl-Heinz Lambach.

Angefangen hat alles 1975 mit einem Holzschuppen mit Garagenanbau. Dieser stand an der Kirchgasse auf dem Grundstück der Lambachs. Nebenan waren Karl-Heinz Lambach (78), seine Frau und die vier Töchter gerade in ihr neues Haus gezogen. Ein Brauerei-Vertreter brachte die Geschäftsidee und so wurde aus dem Schuppen eine Trinkhalle. Kurz darauf hatte sich aus der Idee ein Kundenmagnet entwickelt und neben Alkohol gab es Süßigkeiten, Zigaretten, Zeitschriften, aber auch Eier und Butter. „Supermärkte machten damals um 18.30 Uhr zu. Was beim Einkauf vergessen wurde, gab es bei uns“, erzählt der 78-Jährige.

Anfangs stand nur Rosi an der Kasse, als das Geschäft besser lief auch ihr Mann, der seinen Job bei Mannesmann aufgab. „Wir arbeiteten jeden Tag von 6 bis 21 Uhr. Gemeinsamen Urlaub konnten wir nie machen“, erzählt Rosi.

Viele HNA-Leser erinnern sich noch an die Klingel am Kiosk, die mit dem Wohnhaus verbunden war. „Auch wenn ich nur für ein paar Pfennige Süßigkeiten wollte, eilte Rosi herbei“, erzählt die frühere Sandershäuserin Carina Bussewitz, die auch auf dem alten HNA-Foto zu sehen ist.

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Lukrativ war es für die Lambachs, dass ihr Kiosk auf dem Schulweg lag. Auch das heutige Landtagsmitglied Timon Gremmels hat sein Taschengeld bei Rosi angelegt. Geduldig habe sie die Pfennigware für die Kinder in Tüten gepackt, auch wenn dahinter Erwachsene drängelten, sagt die 69-Jährige. HNA-Leser Thorsten Schäfer erzählt, dass es für aufgeschlagene Kinderbeine ein Schlumpf-Weingummi als Trostpflaster gab.

„Auch wenn ich nur für ein paar Pfennige Süßigkeiten wollte, eilte Rosi herbei.“

Der Kiosk war nicht nur Kinderparadies. Einige spätere Ehepartner - darunter eine der Töchter der Lambachs - lernten sich dort kennen. Aber auch Dramen entfalteten sich: „Du hast hier alles mitbekommen: Eheprobleme, Alkoholmissbrauch, Gewalt in der Beziehung“, sagt Rosi Lambach, die heute mit ihrem Mann in einer alten Mühle in Helsa lebt. Mancher Arbeiter habe sich morgens um 6 Uhr sein erstes Bier geholt.

Im Jahr 2000 verkauften die Lambachs den Kiosk, in dem heute der Laden „Holländisches Eck“ untergebracht ist. Dafür hat Karl-Heinz Lambach heute wieder seinen Namen zurück: Bei den Kindern aus Sandershausen hieß er nur „Herr Rosi“.

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