Wirt Bernd Trott kennt viele Geschichten - auch die der verschwundenen Renate Gustl

Abschied von der Rhönklause: Kneipe im Süsterfeld schließt nach 40 Jahren

Hört schweren Herzens auf: Bernd Trott.

Nach 40 Jahren macht die Bierkneipe Rhönklause im Kasseler Stadtteil Süsterfeld-Helleböhn zu. Geschichten gab es in ihrer Zeit viele - unter anderem die einer bis heute verschwundenen Frau.

„Spiel’ unser Lied noch mal.“ Diesen Satz musste sich Bernd Trott am Montag von seinen Stammgästen anhören. Die wollten unbedingt „Die kleine Kneipe in unserer Straße“ von Peter Alexander hören. Ihre kleine Kneipe hatte am Montagabend nämlich zum letzten Mal geöffnet. Nach 40 Jahren schließt die Rhönklause in Süsterfeld-Helleböhn.

Emotionaler Abschied

„Das war sehr emotional. Einige Leute haben sogar geweint. Mir liefen auch die Tränen“, sagt der 61-jährige Trott, dessen Vater Horst vor 40 Jahren die Rhönklause eröffnet hatte. Vor einem halben Jahr hat sich Trott entschieden, die Kneipe mit Kiosk zu schließen. Aus psychischen und physischen Gründen. Er habe künstliche Hüftgelenke und leide an einer chronischen Bronchitis (COPD). Damit könne er in einer Raucherkneipe nicht mehr arbeiten. Er habe mitunter keine Luft gekriegt, sagt Trott, der selbst raucht.

Zudem fehle ihm das „Wir-Gefühl“, das es früher in der Rhönklause unter den Gästen gegeben habe. Vor 40 Jahren sei die 50 Quadratmeter große Kneipe immer voll gewesen. „Das war der Hammer. Da gab es jeden Tag Frühschoppen“, erinnert sich Trott. Rentner und Arbeitslose waren schon morgens da, nach der Spätschicht kamen weitere Gäste.

Fernsehteam war vor Ort

Im vergangenen Jahr sei ein Fernsehteam vom ZDF da gewesen und habe sich nach Renate Schildt erkundigt. Die Frau aus Helleböhn, die seit 1979 vermisst wird, habe in den Anfängen in der Rhönklause geputzt, erzählt Trott. Und ihr Mann Gustl, der zeitweise verdächtigt wurde, seine Frau getötet zu haben, war Stammgast.

Gustl Schildt sei auch immer noch gekommen, nachdem Renate verschwunden war. Andere Gäste hätten ihn wiederholt gefragt, was er mit seiner Frau angestellt habe. Antworten gab es keine. Bis Gustl dann irgendwann wegzog. Dass er 2009 gestorben ist, habe er erst von dem Fernsehteam erfahren, erzählt Trott.

Er könne aber nicht glauben, dass Schildt seine Frau damals tatsächlich umgebracht hat. „Auch wenn der eine große Schnute hatte und der Renate öfter mal eine gewaffelt hat“, erzählt der Kneipier. Anderseits glaube er aber auch nicht, dass Renate Schildt ihre Töchter einfach zurückgelassen hätte.

Auch der Kiosk ist Geschichte: Was mit den Räumlichkeiten in dem Flachdachbau am Rhönplatz geschieht, ist noch unklar.

Inventar aus den 80er- und 70er- Jahren

Von seinen Gästen hat sich Bernd Trott viele Geschichten angehört. „Ich habe mich sehr gern in den Dienst als Kneipenpsychologe gestellt.“ Er habe wohl vielen durchs Zuhören auch helfen können. Mittlerweile habe er aber das Gefühl, dass er in dieser Funktion nicht mehr gebraucht werde. Die Struktur im Quartier hat sich auch geändert. Viele Russlanddeutsche und Polen, die hier mittlerweile wohnen, machten ihr eigenes Ding. „Die feiern lieber zu Hause.“

Zudem seien seine Gäste älter geworden. Während es früher Frühshoppen mit Flaschenbier gegeben hat, kamen in letzten Jahren ältere Gäste, um morgens Wasser und Cola zu trinken. „Die Schließung tut mir für sie leid, weil sie keinen Treffpunkt mehr haben.“

25 Jahre lang war die Rhönklause auch ein beliebter Ort für Dartspieler, vier Vereine haben hier gespielt. Trott selbst hat für die „Rhönklause Tigers“ in der Nordhessenliga gedartet. Für seinen Verein hat er das Mobiliar in seiner Kneipe vor über 20 Jahren mit Tigerplüsch bezogen.

Das Inventar, das stark an die 1970er- und 1980er-Jahre erinnert, wird am Mittwoch entsorgt. „Das darf ich mir gar nicht angucken. Das ist so, als ob man mir das Herz rausreißt“, sagt Trott.

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