Der Fall hat für Aufsehen gesorgt

Hundeerzieherin über Attacke auf Schüler in Kassel: „Die Mischung ist sehr explosiv“

Kassel. Ein Mischling aus Dobermann und Belgischem Schäferhund hat am Freitag in Süsterfeld-Helleböhn Schüler attackiert; ein Junge wurde schwer verletzt. Über den Fall und die Folgen für das Tier sprachen wir mit der Hundeerzieherin Mona Göbel.

Frau Göbel, der Hund, der die Schüler attackiert hat, war ein Jahr alt und bisher unauffällig. Trotzdem ist er plötzlich über einen ein Meter hohen Zaun gesprungen und auf die Kinder losgegangen. Pauschal gefragt: Lässt sich so etwas verhindern?

Göbel: Mit der richtigen Erziehung: ja, auf alle Fälle.

Wie sieht denn solch eine richtige Erziehung aus?

Göbel: Zunächst einmal sollte der Hundehalter seinen eigenen Hund richtig kennenlernen. Um ihn zu erziehen, sollte er ihn immer kontrollieren können. Das bedeutet: Wenn ich weiß, dass mein Hund nicht immer gehorcht, dann muss ich ihn an die Leine nehmen.

Im vorliegenden Fall war die Hundehalterin mit ihrem Hund zu Gast auf einem anderen Grundstück. Das heißt: Sie hätte zwingend Vorrichtungen treffen müssen?

Göbel: Genau, zumal hier ja nach Informationen der Polizei noch ein zweiter Hund zugegen war. Und das ist dann immer problematisch. Die meisten Hundehalter können nicht einschätzen, was Hunde untereinander zu schaffen haben. Womöglich baut sich da Frust auf.

Und dann kommt eine Schülergruppe um die Ecke.

Göbel: Für den Hund könnte sich da die Möglichkeit geboten haben, Frust abzubauen. Es stellt sich dann die Frage, wie der Hund ausgebildet worden ist. Es besteht nämlich ein großer Unterschied zwischen einer Erziehung und einer Ausbildung.

Der da wäre?

Göbel:Eine Erziehung zielt darauf ab, das Tier zu einem richtigen Familienhund heranwachsen zu lassen – zu einem Tier, das der Hundehalter gut kennt, das er gut einschätzen kann und dessen Grenzen er kennt. Eine Ausbildung findet normalerweise auf dem Hundeplatz statt – viel zu häufig für den Schutzdienst. Eine solche Ausbildung sollte es meiner Meinung nach in Privathand überhaupt nicht mehr geben dürfen. Diese ganzen Gebrauchshundesportvereine, die die Beißhemmung des Hundes abtrainieren und dem Hund lehren, zuzubeißen und auf Dinge zu reagieren, die sich bewegen – die sollten verboten werden.

Bedeutet das, dass gewisse Rassen auch gar nicht in private Hand gehören?

Göbel:Nein. In jedem Welpen steckt ein guter Kern, und jeder Hund hat mehrere Persönlichkeitsfacetten, auch wenn in jedem Hund ein Beutegreifer steckt. Ich habe also etwas, was positiv ist, und etwas, was negativ ist. Eine gute Erziehung sorgt dann dafür, dass die positiven Eigenschaften nach oben kommen und die negativen gedeckelt werden. Und so kann ich als Halter mit jedem Hund leben.

Wie schätzen Sie denn generell eine Mischung aus Dobermann und Belgischem Schäferhund ein, mit der wir es im vorliegenden Fall zu tun haben?

Göbel:Mischlinge sind per se nicht gefährlicher als andere Hunde. Die Mischung aus Dobermann und Belgischem Schäferhund ist aber schon explosiv, wobei man auch die Elterntiere kennen muss, um eine abschließende Beurteilung abgeben zu können. Allerdings haben wir es hier mit zwei Rassen zu tun, die gerne für den Schutzdienst ausgebildet werden. Gut möglich also, dass die Eltern dementsprechend ausgebildet waren. Wesensmerkmale können sich genetisch vererben.

Was macht denn die Mischung so explosiv?

Göbel:Der Dobermann ist ein sehr hochgezüchtetes Tier – sehr nervös und personenbezogen. Belgische Schäferhunde sind mittlerweile so nervös gezüchtet, dass sie von einem Privatmann schwer zu händeln sind. Das kommt eben, weil sie in erster Linie im Schutzdienst eingesetzt werden – etwa von der Polizei. Als Haushund eignen sie sich kaum.

Jetzt soll der Hund, der die Kinder attackiert hat, begutachtet werden. Wie hat man sich solch eine Begutachtung vorzustellen?

Göbel: Das kommt auf den Gutachter an. In der Regel empfiehlt es sich, das Tier in genau der Situation zu begutachten, in der es auffällig geworden ist. So lassen sich am ehesten Rückschlüsse ziehen.

Was droht dem Tier?

Göbel: Im schlimmsten Fall muss das Tier eingeschläfert werden. Wir hatten in Niedersachsen zuletzt einen heftigen Fall, bei dem ein Dobermann eine Frau lebensgefährlich verletzt hat. Da musste das Tier eingeschläfert werden, was ich auch für richtig gehalten habe. Denn es gibt die Möglichkeit, Hunde zu resozialisieren – aber nur bis zu einem gewissen Punkt.

Was heißt das für den Hund im vorliegenden Fall?

Göbel:Der Hund ist ein Jahr alt. Das heißt, er ist pubertär und noch formbar. Mit einer guten Erziehung lässt sich viel machen. Sie muss berücksichtigen, dass Dobermänner und Belgische Schäferhunde sehr territorial veranlagte Hunde sind. Es geht darum, dieses Verhalten unter Kontrolle zu bringen. Gelingt das, dann lässt sich aus dem Tier noch ein prima Hund machen.

Nun traf der Hund hier auf eine Gruppe von Schülern. Gibt es in einem solchen Fall Verhaltensregeln für die Kinder?

Göbel:Es wäre immer gut, wenn die Kinder stehen bleiben, sich nicht bewegen, nicht schreien. Aber das lässt sich einem Kind nicht beibringen – erst recht nicht, wenn es in einer Gruppe unterwegs ist. Das muss man verstehen: Es sind Kinder!

Ein Lehrer ist dazwischengegangen. Ist das richtig?

Göbel:Ja, aber es besteht die Gefahr, selbst gebissen zu werden. Aber es geht dann darum, die Kinder zu schützen. In dem Moment handelt man sowieso automatisch; es gibt dabei auch keine Regeln.

Rubriklistenbild: © Pixabay/fixipixi_deluxe

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